Tagesarchiv für den 29. Januar 2010

29 Jan 2010

Alle Schwäne sind grau. Oder rot.

Abgelegt unter Wissen

Vor einigen Tagen lud der Zeitschriftenverleger Dr. Hubert Burda (Focus, Mein schöner Garten, Freizeit Revue) zu seiner jährlich stattfindenden Konferenz »Digital, Life, Design« ein. Da treffen sich immer Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler und Internetpioniere, um über die großen Zukunftsthemen zu sprechen. Dieses Mal war auch Internetpionier Jimmy Wales mit dabei, der der »Süddeutschen Zeitung« ein Interview gab. Er wurde zu diesem und jenem gefragt, nutzte aber wie immer die Gelegenheit, sein Baby, die Wikipedia, ins rechte Licht zu rücken. Das muss man sich genauer ansehen.
Natürlich weiß er genau, worum es bei Enzyklopädien geht:
Wir wollen die verschiedenen Blickwinkel ausbalancieren.
Auf den Einwand des Interviewers, dass es gerade im Netz
Für jede Ideologie einen Ort [gäbe], an dem diese als objektiv oder neutral verkauft wird
Bringt Wales ein interessantes Beispiel, wie dies alles zu verstehen sei:
Gruppen, deren Mitglieder kulturell und ideologisch ähnlich ticken, werden häufig Fehler machen. Sie haben einen blinden Fleck. 1920 kämpften Polen und Litauen an der Memel gegeneinander. Die Wikipedia-Einträge in den beiden Sprachen zeigten für dieses Ereignis komplett entgegengesetzte Perspektiven. Das Faszinierende: Durch den englischsprachigen Artikel, der beide Sichtweisen diskutiert, wurden auch die Einträge in der polnischen und litauischen Wikipedia besser, weil die Autoren den jeweils anderen Standpunkt kennen lernten. Die Verfasser der ursprünglichen Artikel wollten keine Geschichtsklitterung betreiben – sie hatten ihr Wissen einfach in der Schule gelernt.
Lassen wir beiseite, dass wir unseren jeweiligen nationalen Schulen also nicht trauen können. Lassen wir mal beiseite, dass ein polnischer oder litauischer Wikipedia-Autor sein Wissen offensichtlich nur über eine Schwester-Wikipedia wie die englische bezieht; oder beziehen sollte – oder was meint Wales hier? Betreibt die Wikipedia – gleichgültig welcher Nation – »neutrale« Forschung, was immer das sein könnte? Oder woher haben die englischen Wikipedia-Autoren ihre Weisheit? Eventuell aus der Britannica abgeschrieben?
Und was bedeutet das für den Wikipedia-Benutzer? Will der beispielsweise etwas über den Vietnam-Krieg erfahren, sollte er tunlichst die amerikanische und die vietnamesische Wikipedia meiden? Kann man über bestimmte Dinge so lange und so breit disktuieren, bis eine Art »Konsens« gefunden wurde, der fortan als »wahr« anzusehen ist?
Bei Wales liest sich das so:
Eines der spannendsten Dinge an Wikipedia ist, dass es ein Treffpunkt ist: Kleine Gruppen debattieren ein Thema mit dem Ziel, sich darüber zu einigen, was Neutralität ist. Deshalb sind manchmal Diskussionen interessanter als der Eintrag selbst.
Noch viel interessanter wäre die Frage, wie sich diese kleinen Gruppen zusammensetzen. Sind das Leute, die da nur mitreden wollen, oder sind da auch Leute, die tatsächlich mitreden können? Kann man über jedes Thema diskutieren? Kann man die Frage, ob sich die Sonne um die Erde dreht, oder ob es vielleicht doch umgekehrt ist, in einer kleinen Gruppe diskutieren, bis ein Konsens gefunden ist? Hat die Wikipedia überhaupt die Möglichkeit, Erkenntnisse zu gewinnen – oder ist es nicht viel mehr ein Ort, wo gesicherte und nachprüfbare Erkenntnisse gesammelt werden – wie bei jeder andern, jeder professionellen Enzyklopädie. Ein Enzyklopädie hat grundsätzlich nicht die Aufgabe, wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen – sie hat den wissenschaftliche Stand zu dokumentieren.
Ein einfaches – und zugegebenermaßen: polemisches – Beispiel dazu.
Ein Autor der Wikipedia behauptet, alle Schwäne seien weiß. Ein anderer sagt, dass alle Schwäne schwarz seien. Beide pochen auf ihre Erfahrung. Der eine hat tatsächlich noch nie einen weißen, der andere noch nie einen schwarzen Schwan gesehen. Augenzeugen. Für sich genommen haben beide Recht. Der Artikel wird in einer kleinen Gruppe diskutiert. Alle Gruppenmitglieder haben sich – wie in den Wikipedias üblich – ein Pseudonym gegeben. Über ihre Fachkenntnisse müssen die Mitglieder der Gruppe keine Auskunft geben. Es gibt nun mehrere Möglichkeiten für das Ziel der Neutralität:
1. Es gibt tatsächlich nur weiße Schwäne
2. Es gibt tatsächlich nur schwarze Schwäne
3. Es gibt schwarze und weiße Schwäne
4. Es gibt nur graue Schwäne
Ein Witzbold versichert ernsthaft und glaubwürdig, er habe schon rote Schwäne gesehen.
Die Diskussionsteilnehmer einigen sich darauf, dass es nur graue Schwäne gibt, diese allerdings in sehr unterschiedlichen Schattierungen und außerdem sind hier und da auch rote Schwäne anzutreffen.
Offensichtlich, dass das kompletter Blödsinn ist. So werden wissenschaftliche Kenntnisse nicht gewonnen. Aber es gibt natürlich sehr viele Themen, bei denen das genau so passiert.
Die Administratoren der Wikipedia haben versucht, diesem zu begegnen: Es gibt mittlerweile kaum noch einen Artikel in der deutschen wie der englischen Wikipedia, dem nicht die Mahnung vorangestellt ist, doch bitte für Quellen zu sorgen. Die Administratoren sind da also schon weiter als Wales: Sie trauen der Diskussion in der kleinen Gruppe schon lange nicht mehr. Anders gesagt: Du kannst in der Wikipedia behaupten und schreiben, was du willst, so lange du einen Gewährsmann (Quelle) hast – Dir, lieber Freund, glauben wir nicht.
So werden Quellen angegeben: Der zugegebenermaßen sehr lange Artikel über die britische Rockband Pink Floyd hat fast 300 Quellenangaben; der deutsche knapp 60. Quellenkritik – das A und O der Geisteswissenschafen – findet allerdings nicht statt: Ein großer Teil der Quellenangaben in der englischen Wikipedia bezieht sich auf ein Buch des Schlagzeugers von Pink Floyd; andere Bandmitglieder kommen im Quellenverzeichnis nicht vor. Neutral? Hätte man in Wales obigem Beispiel nur die Ansicht der Litauer bzw. der Polen gelten lassen können? Noch anders in der deutschen Wikipedia: Hier wird z. B. auch auf das bekannte Rock-Lexikon des Rowohlt Verlages verwiesen. Die Autoren dieses Lexikons benutzen aber selbst die Wikipedia als eine ihrer Quellen. Klar gesagt: Im Sinne eines Erreichens von »Neutralität« oder gar »Objektivität« sind derartige Quellen wertlos. Objektivität ist dem Menschen unmöglich, Neutralität ein unerfüllbarer Wunschtraum.
Was erreichbar ist, ist Konsens. Auf diesem Weg ist die Wikipedia allerdings schon sehr weit vorangekommen. Hieß es früher »Steht im Brockhaus«, so muss heute die Wikipedia ins Kalkül gezogen werden: Sie können als Individuum durchaus etwas ganz genau wissen – durchsetzen müssen Sie es inzwischen in einer kleinen Diskussionsgruppe in der Wikipedia. Die Anpassung des Wissens an die Vorgaben der Wikipedia ist im Internet übrigens schon sichtbar.
So kann es tatsächlich eines Tages geklärt sein, ob die beiden Känguruhs von Noahs Arche schwimmend oder über das Wasser springend nach Australien gekommen sind – vielleicht haben sie auch einfach eines der Rettungsboote benutzt. Können wir alles diskutieren, findet sich bestimmt ein neutraler, objektiver Standpunkt.

Vor einigen Tagen lud der Zeitschriftenverleger Dr. Hubert Burda (Focus, Mein schöner Garten, Freizeit Revue) zu seiner jährlich stattfindenden Konferenz »Digital, Life, Design« ein. Da treffen sich immer Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler und Internetpioniere, um über die großen Zukunftsthemen zu sprechen. Dieses Mal war auch Internetpionier Jimmy Wales mit dabei, der der »Süddeutschen Zeitung« ein Interview gab. Er wurde zu diesem und jenem gefragt, nutzte aber wie immer die Gelegenheit, sein Baby, die Wikipedia, ins rechte Licht zu rücken. Das muss man sich genauer ansehen.

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