07 Dez 2009

Alle Jahre wieder

Abgelegt 22:57 unter Allgemein

Das Weihnachtslied ist ein an die Weihnachtszeit gebundenes Lied; es hat eine lange

Geschichte

Schnitzwerk aus dem Erzgebirge
Kurrende. Singendes Schnitzwerk aus dem Erzgebirge

Weihnachtslieder sind christlichen Ursprungs und entstanden im 11. Jahrhundert im kirchlichen Raum aus Dank- und Lobliedern. Im späten Mittelalter verbanden sich diese zur Mitternachtsmesse gesungenen Hymnen mit den sogenannten Leisen, deutschsprachigen Liedern, die mit dem Ruf »Kyrie eleison« (Herr erbarme Dich) endeten. Als das älteste, schriftlich überlieferte Lied dieser Art gilt »Sei uns willkommen, Herre Christ«, das vermutlich im 13. Jahrhundert entstand und dem eine niederländische Melodie zugrunde liegt. Erhalten ist die Melodie in einem in Aachen aufbewahrten, aus dem 11. Jahrhundert stammenden Evangeliar des Kaisers Otto III.; im Laufe der Jahrhunderte wurde diese ursprüngliche Melodie häufig abgewandelt. Ebenso alt ist das Lied »Joseph, lieber Joseph mein«, ein Kindelwiegen-Lied, Anfang des 14. Jahrhunderts datiert. Kindelwiegen-Lieder gehörten in Frauenklöstern zum Weihnachtsfest und wurden bis zum 17. Jahrhundert fester Bestandteil des Repertoires an Weihnachtsliedern. Das tatsächliche Wiegen eines Kindes in einer Wiege – meist eine reich geschmückte Puppe aus Wachs – gehörte zum Gottesdienst.

Mit der Reformation entstanden auf der Grundlage dieser Vorläufer neue Weihnachtslieder, nicht zuletzt von Martin Luther selbst (»Vom Himmel hoch«), die von Kurrende-Chören verbreitet wurden. Häufig basierten sie auf vorhandenen Melodien weltlicher Lieder, denen ein neuer Text, oft in lateinisch-deutscher Mischpoesie (»In dulci jubilo, nun singet und seid froh«, 14. Jhdt.), beigegeben wurde. Zu diesen ältesten Weihnachtsliedern gehört auch das Lied »Es ist ein Ros’ entsprungen«. Es stammt wohl aus dem 15. Jahrhundert, ist aber erst 1599 belegt. »Es ist ein Ros’ entsprungen« gilt als das schönste Weihnachtslied überhaupt, wenn es auch mit seiner nicht nur unterschwelligen Marienverehrung bei den Protestanten eher auf Ablehnung stieß. Über den Grad seiner Popularität gibt auch die Zahl der Strophen – bis zu 23 sind bekannt – Auskunft. Urheber des bekanntesten vierstimmigen Satzes des Liedes war Michael Praetorius, der den Text auf zwei Strophen verkürzte, geringfügig änderte und damit auch für die evangelische Kirche zumindest akzeptabel machte; durchgesetzt hat es sich hier aber erst im 19. Jahrhundert.
War das Singen von Weihnachtsliedern bis weit in das 16. Jahrhundert auf den kirchlichen Raum beschränkt und dann auch nur zur unmittelbaren Weihnachtszeit, so wurden die Lieder im 17. und 18. Jahrhundert zunehmend auch im häuslichen Kreis gesungen, fanden aber von hier aus auch wieder Eingang in die Kirchenmusik. Das die Feier des Weihnachtsfestes zuhause parallel zur Feier in der Kirche stattfand, hatte sich seit dem 16. Jahrhundert allmählich herausgebildet, wenn auch keineswegs in einer seit Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlichen Form, also etwa mit Weihnachtsbaum und Geschenken für die Kinder. Luther soll »Vom Himmel hoch« für seine Familie geschrieben haben und verwendete eine allgemein bekannte Melodie, dies möglicherweise aus pragmatischen Gründen, denn noch waren die Gesangbücher im Entstehen und Weihnachtslieder hatten sicherlich keinen Vorrang.
Mit den ersten Sammlungen von kirchlichen Liedern in Gesangbüchern wurden Kirchenlieder und damit auch Weihnachtslieder aber auch explizit gedichtet; seltener auch komponiert, denn weiterhin griff man häufig auf vorhandene Melodie zurück. In dieser Zeit haben also auch Dichter und Komponisten sich explizit des Themas angenommen und Weihnachtslieder verfasst. Zu ihnen gehören etwa Paul Gerhardt, Johann Krüger, Georg Weißel, Johann Rist, Valentin Thilo Vater und Sohn, Thomas Selle, Johann Krüger und schließlich Johann Sebastian Bach. Bach hat allerdings keine Weihnachtslieder selbst geschrieben, sondern für seine Werke verwendet, so etwa Paul Gerhardts »Ich steh’ an deiner Krippe hier« im sechsten Teil des Weihnachtsoratoriums. Auch dieses eine Kontrafaktur, also die Übernahme einer Melodie eines älteren weltlichen Liedes, das mit einem neuen Text versehen wurde; Bach veränderte allerdings die Melodie um Weniges.
Im 19. Jahrhundert wurde dann das Weihnachtsfest zu dem, was es seitdem geblieben ist: Das zentrale deutsche Fest, zu dem diverse Requisiten wie der Weihnachtsbaum und Rituale wie das Schenken und Beschenkt werden gehören. Hausmusik und insbesondere das Absingen von Weihnachtsliedern zählen ebenfalls dazu. Der Akzent der Lieder verschob sich nach und nach von Kirche, Religion und Christentum zu dem Aspekt des Materiellen, zentrierte sich aber auch zunehmend auf die Kinder. Dieser überdimensional materiellen Bestimmung – in der die Geburt Christi und ihre Bedeutung, wenn überhaupt, eine unwesentliche Rolle spielen – entsprachen neue Weihnachtslieder, in denen Geschenke, Tannenbaum und schließlich der Schnee besungen wurden. Aus dieser Zeit stammen aber auch Lieder wie »Tochter Zion« auf eine Melodie von G.F. Händel, »O heilig’ Kind, wir grüßen dich«, entstanden im 18. Jahrhundert, »O du fröhliche« von Johannes David Falk und schließlich »Stille Nacht«, dessen Text Franz Mohr und die Musik Franz Gruber zugeschrieben wird. Das Lied fand schnell Verbreitung und nahm spätestens im 20. Jahrhundert seine Vorrangstellung unter den Weihnachtsliedern ein.
Eine Rückbesinnung auf die alten Weihnachtslieder vollzog die Jugendbewegung an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. Sie stellte – unter anderem Hans Breuer in seinem »Zupfgeigenhansel« (1908) – Krippen- und Marienlieder in den Mittelpunkt, wenn auch nicht unbedingt aus einer römisch-katholischen Position der Marienverehrung, sondern weit mehr unter dem Aspekt der Vergangenheit, gepaart mit ein wenig Mystik. Immerhin verschob sich damit wieder die Thematik von den Kinderliedern hin zum Eigentlichen, der Menschwerdung Gottes, dazu gehörte dann auch die Schwangerschaft Mariens.
Nach 1933 versuchten die Nationalsozialisten, das Christentum völlig aus den Liedern zu entfernen. Natürlich konnte es nicht gelingen, das Weihnachtsfest als Ganzes seiner Bedeutung zu berauben, selbst Begriffe wie »Jultanne« für den Weihnachtsbaum setzten sich bei der Bevölkerung nicht durch. Aber es gab rücksichtslose Eingriffe, zumal in alte Weihnachtslieder: Die Zeile »von Jesse kam die Art« in »Es ist ein Ros’ entsprungen« wurde durch die Zeile »von wunderbarer Art« ersetzt. Neue Lieder wie »Hohe Nacht der klaren Sterne« sollten die Stelle der alten Lieder treten, und tatsächlich konnte das eine oder andere sich in die Zeit nach 1945 retten.
Nach der Kapitulation 1945 und der Teilung Deutschlands durch die Alliierten veränderte sich auch die Rezeption von Weihnachtsliedern. Bewirkt durch Film, Schallplatte und vor allem die Rundfunksender der Briten und der Amerikaner wurden angelsächsische Weihnachtslieder bekannt und bald auch heimisch. Zu Weihnachten in Deutschland gehören seitdem »Jingle Bells« und »White Christmas« zum Repertoire. Aber auch neue Weihnachtslieder, gesungen von Rock- und Popstars – etwa »Felice Navidad« von Jose Feliciano, »Last Christmas« von Wham! oder »I believe in father Christmas« von Greg Lake -, gehören in Deutschland zum Kanon der Weihnachtslieder, die jedes Jahr im Dezember aus den Rundfunkarchiven geholt werden.

Themen

Weihnachtslieder lassen sich mehreren Themenkreisen zuordnen. Trennt man zunächst die religiös bestimmten Lieder von denen mit durchgängig weltlicher Thematik, so steht allemal die Heilige Familie im Zentrum der Texte, vorrangig der Jesusknabe und seine Mutter Maria; Joseph spielt eine untergeordnete Rolle. Zum anderen sind viele Lieder den Hirten, der Verkündigung an die Hirten durch die Engel und schließlich die Anbetung des Kindes durch die Hirten gewidmet. Da diese Lieder häufig mit den Worten »Quem pastores«, erhielten sie die Gattungsbezeichnung »Quempas«.
Eher zu den Adventsliedern gehören Lieder, in deren Mittelpunkt Maria und die Botschaft des Engels stehen oder aber die die Herbergssuche in Bethlehem beschreiben. Auch die den drei Weisen aus dem Morgenland gewidmeten Lieder zählen zu den Weihnachtsliedern, wenn sie auch eher die Zeit nach der Heiligen Nacht zum Inhalt haben. Natürlich ist der Text den jeweiligen Adressaten angepasst – Weihnachtslieder für Kinder sprechen eine andere Sprache als die aus der Tradition der Kirchenlieder. Dies erst recht, als im Laufe des 19. Jahrhunderts manch ein Weihnachtslied eher einem vertonten Wunschzettel glich, in dem auch mal nahtlos von Apfel, Nuss und Mandelkern auf Aufrüstung im Kinderzimmer übergegangen wurde. Dass diese Texte allerdings auch einer großbürgerlichen Wunschvorstellung entsprachen, denn die Kinder weiter Bevölkerungsteile erhielten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein allenfalls einen Lebkuchen oder einen besonders schönen Tannenzapfen als Weihnachtsgeschenk, sei nur am Rande vermerkt.
»Morgen kommt der Weihnachtsmann« ist nicht nur in dieser Hinsicht weit entfernt vom christlichen Friedensfest, sondern auch darin, dass hier nicht vom Kind in der Krippe die Rede ist, sondern vom Weihnachtsmann, einer Kunstfigur, sie sich eben zu dieser Zeit anschickte, eine Art weltlichen Ersatz für das Jesuskind abzugeben. Dass er dann auch Protagonist manch eines Weihnachtsliedes wurde, konnte nicht ausbleiben.
Mit dem im 19. Jahrhundert aufkommenden Brauch, eine kleine Fichte in der guten Stube aufzustellen und sie zu schmücken, wurde auch der Baum zum Thema von Weihnachtsliedern, mal mit Bezug auf die Geburt Christi, mal ohne. Wird nur der Baum besungen, nehmen diese Lieder eine gewisse Sonderstellung ein, wie auch etwa die dem Heiligen Nikolaus gewidmeten Lieder (»Lasst uns froh und munter sein«), die eine eigene Gruppe innerhalb der Adventslieder bilden.
Erstaunlicherweise zählen auch Lieder zu den Weihnachtsliedern, die die Jahreszeit zum Inhalt haben, Winter, Kälte, Eis und Schnee. Erkennbar ist daran, dass Weihnachtslieder ein europäisches Phänomen sind, denn etwa in Australien und vielen Ländern Lateinamerikas hat man wenig Grund, im Dezember von einer »White Christmas« zu träumen.

Musik

Nicht anders als die Kirchenlieder müssen Weihnachtslieder leicht singbar sein. Einfache Liedformen mit eher geringem Ambitus der Melodie und klarer Melodielinie herrschen also vor. Auch haben bestimmte Elemente alter Weihnachtslieder in jüngeren Weihnachtsliedern überlebt. »Stille Nacht« etwa mit seinem wiegenden Siciliano-Rhythmus trägt durchaus Züge der alten Kindelwiegen-Lieder.
Die einfache Form ist zumindest bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bedingung gewesen. Bis dahin mag es noch mehr oder weniger häufig üblich gewesen sein, zwanglos auch in der Gruppe zu singen. Dazu musste es einen Kanon von Liedern geben, die allgemein bekannt waren. Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist Weihnachten mitunter der einzige Anlass, dass in deutschen Familien gesungen wird. Gleichzeitig erhielt der professionelle Gesang von Weihnachtsliedern ein geradezu einschüchterndes Übergewicht. Während selbst ambitionierte Laienchöre Weihnachtsprogramme aus selten zu hörenden Weihnachtsliedern vortragen, die längst nicht mehr zum Bildungskanon gehören, werden die möglicherweise noch weiten Bevölkerungsteilen bekannten Liedern durch Fernsehen, Rundfunk und Tonträger in einer Perfektion verbreitet, die nicht wenige Menschen von vornherein zur CD greifen lässt. So sind Weihnachtsplatten bekannter Rock- und Popmusiker fester Bestandteil im Marketing von Plattenfirmen. Die Neukompositionen dieser Musiker sind in der Regel von Laien nicht nachzusingen, nicht nur wegen der instrumentalen und tontechnischen Aufbereitung, sondern auch wegen ihrer häufig keineswegs simplen Faktur. Nüchtern betrachtet, zeigt sich aber gerade in der Flut dieser Weihnachtsplatten, dass dem bekannten Kanon von Weihnachtsliedern nichts mehr hinzuzufügen ist.

Der große Bekanntheitsgrad gängiger Weihnachtslieder, von »O du fröhliche« bis »O Tannenbaum«, hat immer wieder Schriftsteller wie zum Beispiel Erich Kästner, Uwe Wandrey, Dieter Süverkrüp, Agnes Hüfner und andere dazu angestachelt, Parodien auf die bekannten Melodien zu verfassen. Häufig nehmen diese Texte auf politische Verhältnisse Bezug, ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehen sie aber auch kritisch auf die Tatsache ein, dass das Weihnachtsfest ein Fest des Konsums geworden ist.

Weihnachtslieder

Alle Jahre wieder (Text: Friedrich Silcher, Melodie: Wilhelm Hey)

Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen (Text: Hermann Kletke, Melodie: traditionell)

Der Christbaum ist der schönste Baum (Text: Johannes Karl, Melodie. G. Eisenbach)

Der Winter ist ein rechter Mann (Text. Matthias Claudius, Melodie: Johann Friedrich Reichardt)

Es ist ein Ros’ entsprungen (Text und Melodie; traditionell)

Fröhliche Weihnacht überall

Ich steh’ an deiner Krippe hier (Text: Paul Gerhardt, Melodie: traditionell)

Ihr Kinderlein kommet (Text: Christoph von Schmidt, Melodie: Johann Abraham Peter Schulz)

In dulci jubilo (Text und Melodie: traditionell)

Joseph, lieber Joseph mein (traditionell)

Kling, Glöckchen, klingelingeling (Text: Karl Enslin, Melodie: traditionell)

Kommet, ihr Hirten (Text: Carl Riedel, Melodie: traditionell)

Lasst uns froh und munter sein (Text und Melodie: traditionell)

Leise rieselt der Schnee (Text und Melodie: Eduard Ebel)

Macht hoch die Tür’ (Text. Georg Weißel, Melodie: traditionell)

Maria durch ein Dornwald ging (Text und Melodie: traditionell)

Morgen, Kinder, wird’s was geben (Text: Philipp von Bartsch, Melodie: Carl Gottlieb Hering)

Morgen kommt der Weihnachtsmann (Text: Heinrich von Fallersleben, Melodie: Dezède)

O du fröhliche (Text: Johannes Daniel Falk, Melodie: Johann Gottfried Herder, nach einem sizilianischen Volkslied)

O Heiland, reiß die Himmel auf (Text: Friedrich Spee von Langenfeld, Melodie: traditionell)

O Tannenbaum (Text: Ernst Anschütz, Melodie: aus den »Volksliedern« von A. Zarnack)

Schneeflöckchen, Weißröckchen (Text und Melodie: traditionell)

Stil, still, still (Text und Melodie: traditionell)

Stille Nacht! Heilige Nacht! (Text: Joseph Mohr, Melodie: Franz Gruber)

Süßer die Glocken nie klingen (Text: Friedrich Wilhelm Kritzinger, Melodie: traditionell)

Wir kommen daher aus dem Morgenland (Text: Maria Ferschl, Melodie: Heinrich Rohr)

Zu Bethlehem geboren (Text und Melodie: traditionell)

Weiterführende Literatur

I.Weber-Kellermann: Das Buch der Weihnachtslieder (1982)
H. Multhaupt: Ich steh an deiner Krippe hier. Die Geschichte unserer Weihnachtslieder (2006)

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