11 Feb 2010
Alles geklaut? Ausgezeichnet!
Lesen bildet. Der aktuellste Beweis: Seit ein paar Wochen weiß jeder Feuilleton-Leser, was ein Axolotl ist. Und nicht nur das: Wen so was interessiert, der kann sich von einer mediengerecht kaputten 17-Jährigen erklären lassen, wie das so ist mit Sex and Drugs and weiß der Geier. Die meisten interessiert’s wohl eher nicht, weshalb — fast scheint’s wie eine abgekartete Marketingaktion — jetzt rauskam: Sie hat hie und da geklaut. Collagiert, gecuttet and gepastet, zweitverwertet — in jedem Fall aber aufgewertet, all das Zeug von namenlosen Losern. Nennen Sie es, wie Sie wollen — der berühmte Literaturexperte Daniel Haas (Spon) nennt es »Na und?«
Blogmouse findet diesen Titel für das Buch durchaus passend, doch nun ist das Na-und-Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Da können wir nicht länger schweigen, denn Spiegel online meint, auf den peinlichen Einwurf von Haas noch eins draufsetzen zu müssen und meldet:
Ach, der Literaturbetrieb wäre doch langweilig, wenn es keine Plagiatsvorwürfe gäbe – und so wäre die Leipziger Buchmesse dumm, ließe sie die Chance ungenutzt, ihren mitunter betulich ostprovinzlerisch wirkenden “Preis der Leipziger Buchmesse”, wie man heute sagt, aufzupimpen.
Denn
Hegemanns Verlag habe der Jury bestätigt, dass im Urheberrechtsstreit “alles einen ordentlichen Weg geht”. Doch welcher Weg ist der Kunst fremder als der “ordentliche”?
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Doch noch interessanter als der Sponsche Kunstbegriff ist der linke Haken mit den »Ostprovinzen«. Da hat man in Hamburg gut beobachtet, und Blogmouse fasst die Preisträger zusammen:
- 2009 — Sybille Lewitscharoff für Apostoloff. Hat irgendwas mit Bulgarien zu tun, das ist ja sowas von Osten, dass es fast schon wieder im Westen ist. Provinziell bestimmt auch, hab’s bis jetzt nicht zuende gelesen, bisschen anstrengend und eher nicht betulich. Hat sich gegen Kehlmann durchgesetzt, der es wegen zu großer Erfolge wohl nicht werden durfte … aber, he? .. ist der nicht irgendwie auch aus dem Osten? Lebt in Berlin (Längengrad zwischen Leipzig und Dresden) und Wien (Osmanisches Reich).
- 2008 — Clemens Meyer für Die Nacht, Die Lichter. Das is ja nun Osten ins Quadrat. Meyer kommt nicht nur aus Leipzig (Osten!!!), sondern aus dem Osten von Leipzig! Muss man gar nicht erst reinschaun in das Buch, um zu wissen, dass das »provinzlerisch« ist. Sagt ja schon der Name: Meyer, meine Güte.
- 2007 — Ingo Schulze für Handy. Provinz, sagt ja schon der Name: Schulze, meine Güte. (Fehlt nur noch Müller, ach ja, die Herta, auch ganz aus dem Osten, hat aber den anderen Preis gekriegt, den aus Schweden, also auch irgend so ein Ost-Preis.) Schulze ist aus Dresden. Noch weiter östlich als der Osten von Leipzig, dass kann ich Ihnen aber sagen … Seit die Ostprovinzen verloren gingen, ist das wirklich die alleröstlichste Provinz und provinziellster Osten sowieso. Handys haben sie da aber schon.
- 2006 — Ilja Trojanow für Der Weltensammler. Osten, das sagt ja schon der Name. Provinz: bestimmt auch … obwohl … Weltensammler?
- 2005 — Terezia Mora. Nie gehört. Bestimmt auch aus einer Ostprovinz, ach ja, Ungarn.
Wirklich besorgniserregend, wie der Osten den Westen infiltriert. Hamburg scheint noch immun, aber nehmen wir Frankfurt am Main: Den Preis der dortigen Buchmesse (tja, da gibt’s auch eine) hat letztens eine gewisse Kathrin Schmidt bekommen. Der Name … Sie ahnen schon. Davor Uwe Tellkamp. Das klingt jetzt erst mal nicht so, aber die Wahrheit ist: Der Mann kommt aus Dresden und schrieb einen dicken Wälzer über Dresden. Davor Julia Franck, die zumindest ein bisschen aus dem Osten ist. Und davor Katharina Hacker für Die Habenichtse, was zwar sehr nach Osten klingt, aber ausnahmsweise doch nichts damit zu tun hat.
Der Leipziger Buchpreis in der Kategorie Sachbuch ging letztes Jahr übrigens an Herfried Münkler für Die Deutschen und ihre Mythen.
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