20 Nov 2009
Diesmal schenken wir uns nichts
Search inside. It’s not a Sony
In diesem Frühjahr habe ich endlich meine liebsten Kinderbücher aus der Wohnung meiner Mutter zu mir nach Hause geholt. Ich hatte schon befürchtet, sie könnte sie weggeworfen haben, als sie vor 15 Jahren in eine viel kleinere Wohnung gezogen ist. Doch Bücher wegwerfen — das macht sie nicht, meine Mutter.
Ich komme aus einer bibliophilen Familie, einer Welt, wie sie Uwe Tellkamp in »Der Turm« beschrieben hat. Ich bin etwa so alt wie Tellkamp und ein paar Kilometer flussabwärts am Fuße eines Weinbergs aufgewachsen. Letztes Jahr zu Weihnachten habe ich meiner Mutter den dicken Tellkamp geschenkt, es war naheliegend. Immer haben wir uns Bücher geschenkt, und die schönsten bekam ich als Kind von meiner Tante. Mein älterer Sohn, inzwischen 21, wurde von seinem Opa von klein auf in einem Maße mit Büchern beschenkt, das selbst mir fast unheimlich war. Er ist heute ein Leser — und damit in seiner Altersgruppe ein Exot. Er hat keine Brille aber selbstverständlich ein Profil auf Facebook. Er fotografiert digital und analog.
Er könnte der Typ sein, der sich in ein paar Jahren sein Lesefutter per E-Book zuführt. Ich bin es nicht, denn ich mag mich nicht mehr umgewöhnen. Die vielen jungen Leute, die laut ernstzunehmenden Studien gar keine längeren Texte mehr lesen, sind es auch nicht. Prophezeiungen und Polemiken zum Thema Buch vs. E-Book sind inzwischen reichlich zwischen den Lagern hin- und hergeschossen worden. Wir werden sehen. Ein wichtiger Punkt (jedenfalls für mich), kam aber bisher noch nicht zu Sprache:
Was werden wir uns schenken, wenn wir uns keine Bücher mehr schenken?
Ich frage mich, ob schon mal jemand ernsthaft bedacht hat, welch große Bedeutung das Buch als Geschenkartikel hat, wirtschaftlich und individuell. Das klingt jetzt nicht sehr bibliophil, ich weiß, aber so ist es nun mal. Ich weiß nicht, ob es eine Statistik gibt, wie groß der Anteil an Büchern ist, die nicht für den Eigenbedarf gekauft werden. Nach meinen Beobachtungen ist er jedenfalls sehr groß, und ich weiß zumindest von einem Verlag, bei dem ich angestellt war, dass ganze Programmreihen im Hinblick auf’s Verschenken geplant werden. Das Buch soll etwas hermachen, nicht zu teuer sein, aber auch nicht zu billig, irgendwie »wertig« erscheinen (ja, dieses Wort habe ich mit eigenen Ohren gehört!). Inhaltlich seriös, aber nicht zu speziell, denn was weiß man schon über den Beschenkten …
Aber, ob ein Buch nun wertvoll ist oder nur wertig oder nichts von beidem: Man kann es sich immerhin schenken. Dateien kann man nicht mal hübsch einpacken. Nicht nur das Verschwinden des Buches selbst ist ein (subjektiv empfundener) Kulturverlust. Unsere Beziehungen werden ärmer, wenn wir uns gegenseitig keine Bücher mehr schenken. Im Idealfall setzt sich der Schenkende nicht nur im Bücherregal des Beschenkten fest, sondern auch in dessen Kopf, sogar wenn sich beide im richtigen Leben aus den Augen verlieren. Im Realfall steht der Schenkende wenigstens nicht mit leeren Händen da und hat Anlass, über sich, den Beschenkten und die Beziehung zu ihm nachzudenken.
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