08 Okt 2010
Kotze und Erlöser
Falls Sie mal so richtig kotzen wollen, sehen Sie sich den Film »The Road« (2009; Regie: John Hillcoat) an. — Selten war es in einem Kino so still. — Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch von Cormac McCarthy. McCarthy veröffentlichte das Buch 2006 (deutsch 2007). Es ist ein hochmoralisches Buch. Nicht etwa: Du sollst nicht töten. Sondern: Du sollst nicht Deinesgleichen auffressen. Und: Der Mensch ist gut.
Der Inhalt des Buches: Erdweite Katastrophe, vollkommener Zusammenbruch der Zivilisation, ein ehedem gutbürgerlicher nordamerikanischer Vater bricht mit seinem kleinen Sohn auf, um an die Küste zu kommen. Von der er sich irgendwas erhofft – was, das bleibt unklar. Denn Erfüllung irgendeiner Hoffnung gibt es in diesem Buch nicht (doch, ein wenig: Am Schluss erzählt der Junge, dass er eine Forelle gefangen hat), gibt es in diesem Film also auch nicht (hier gibt es keine Forelle).
Vermutlich entstand das Buch aus der Erkenntnis, dass man Kinder zu Soldaten – dann natürlich »Kindersoldaten« – abrichten kann, jeden beliebigen Menschen umzubringen, Grund ist nicht nötig. Das Kind in McCarthys Buch ist aber gut. Es steht moralisch selbst über seinem Vater – im Grunde aber nur, weil sein Vater es beschützt und es darauf baut.
Der Vater bricht Tabus:
Er ist bereit, Menschen umzubringen, wenn sie ihm, vor allem aber seinem Sohn, nach dem Leben trachten.
Er bringt einen Menschen um.
Er bringt später einen zweiten um.
Notwehr.
Er überlässt zwei weitere Menschen ihrem Schicksal – sie werden sterben.
Er zeigt seinem Sohn, wie man sich mit einem Revolver umbringt.
Es gibt nur ein Tabu: Man frisst einander nicht auf.
Dieses Tabu haben andere längst gebrochen. Wenn Sie also kotzen wollen – jetzt wäre der richtige Zeitpunkt. Das Buch lässt nichts aus, der Film lässt nichts aus. Vergessen Sie Splatter-Filme – Kinderkram. Etwas Vorstellungsvermögen natürlich vorausgesetzt.
Dazu mal ein Wort an unsere Filmkritik: Der Film halte sich zu sehr an das Buch und pi und pa und po. Macht er tatsächlich zu 90 %, bis hin zu den Dialogen. Aber was hätten Sie denn gern? Dass der Film Vater und Sohn ein intaktes Ritz-Hotel samt weicher Daunenbetten, klaren Trinkwassers, zuvorkommender Kellner, funktionierender Heizung, mit Champagner und Kaviar gefüllten Kühlschranks usw. usf. finden lässt, in dem sie bis ans Ende aller Tage glücklich sind? Soll ein Regisseur dem Buch etwas hinzuerfinden, damit man als Kritiker (bruhaha) zufrieden ist?
Als Leser und Zuschauer frag man sich: Was hält diesen Vater und diesen Sohn eigentlich am Leben? Dem Vater ist der kleine Sohn Gott. Das ist richtig. Denn dieser Sohn hat Maßstäbe, die dem Vater allmählich abhanden kommen. Aber nur, weil er seinen Gott schützen will und muss – um selbst nicht zu verzweifeln. Der Sohn braucht den Vater, ohne ihn wäre er verloren. Gott braucht den Gläubigen wie der Gläubige Gott braucht.
Das hört sich schwer nach Bibel, Altem Testament an. »The Road« ist aber eine Parabel auf das Neue Testament. Es gibt Hoffnung.
McCarthy lässt Vater und Sohn eine vierköpfige Familie folgen, und der Vater dieser Familie gibt sich dem Jungen, kurz bevor der sich nach dem Tod seines Vaters mit der letzten Kugel des Revolvers umbringen will, zu erkennen – wie ein Erlöser.
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