21 Nov 2009

Beste CD aller Zeiten gespült

Abgelegt 16:51 unter Mann beißt Hund, Medien

Ins Regal gespült: Beste CDs aller Zeiten
Ins Regal gespült: Beste CDs aller Zeiten

Wer sein Metier beherrscht, hat eigentlich nur einen Feind: die Routine. Man kennt jeden Handgriff, weiß, was man zu tun hat und lässt die Gedanken schweifen. Das ist bei Arbeiten wie Rasen mähen, Wände anstreichen, Bügeln oder Abwaschen hilfreich. Bei Ärzten, Lehrern oder Autofahrern kann Routine gefährlich werden, schadet aber meist nur in Einzelfällen. Auffallend wird Routine bei nur wenigen Berufen, schadet dann aber meistens nicht: Etwa bei Journalisten. Da bekommt es allerdings jeder mit.
So etwa das gedankenlose Abschreiben und Nachplappern von Agenturmeldungen: Einer schreibt es einmal hin – übernommen wird es von zwei Dutzend. Dann liest und hört man immer wieder, unter Umständen wochenlang, von »stehenden Ovationen«, Ulrich Wickert wies vor Tagen darauf hin. Klar, weiß jeder, dass Ovationen nicht stehen können. Trotzdem, kaum hatte Wickert es geschrieben, konnte man wenige Stunden später hören: »Stehender Beifall« – manche Journalisten lesen noch nicht einmal die zwei einzig wichtigen überregionalen Zeitungen des Landes.
Es gibt auf diesem Gebiet ein paar Dauerbrenner. Einer ist: Viel Geld, Millionen, Milliarden, große Beträge, wurden »in die Kassen gespült«. Einen derartigen Ausdruck kann ein Journalist eigentlich nur einmal in seinem Leben benutzen – falls er nicht schon vorher bemerkt, was für ein Blödsinn das ist. Aber dieses Halbsätzchen ist beinahe jeden Tag zu lesen oder zu hören. Fast, als sei es eine Verabredung: Wenn es um viel Geld geht, dann wird es in die Kassen gespült. Basta! Regt sich sofort die Assoziation »Waschen und Spülen, bitte«, aber dazu fehlen jetzt die Beweise.
Sehr in Mode ist derzeit etwas, besonders unter »Kultur-Journalisten«, was jeder menschlichen Erfahrung widerspricht. Da behaupten einige Vertreter dieses Berufszweiges beispielsweise, dass diese oder jene CD »die beste aller Zeiten« sei. Früher genügte, schon im Januar zu behaupten, die »wichtigste« CD des Jahres rezensiert zu haben. Das ist nun zu wenig. Zwar gibt es Tonträger erst seit etwa – seien wir großzügig – 120 Jahren, doch haben diese Könner ihres Faches nicht nur die Produktionen dieser 120 Jahre vollkommen im Blick, sondern auch die kommenden Jahre, Jahrzehnte, Jahrhundert, Jahrtausende…
Das alles ist natürlich nicht neu. Vor Jahren war in den Feuilletons der Zeitungen und in den Kulturmagazinen des Fernsehens das Wort »hermetisch« besonders beliebt. Eigentlich gedacht für die Beschreibung der Qualität von Fahrradschläuchen, wurde das Wort auf alles angewendet, was sich nicht gleich wehrte. Auf einer Seite im Feuilleton der »ZEIT« war es eines Tages sieben Mal zu finden. Dann schien der Vorrat aufgebraucht, oder die Redakteure waren endlich aufgewacht, jedenfalls kam das Wort bald darauf aus der Mode. Heute ist nichts mehr hermetisch.
Eher »luzide«.

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