05 Jan 2010
Bier ist ein besonderer Saft
Der folgende Artikel wird in der ICH-Form erzählt, weil es hier PERSÖNLICH wird. Es geht um Bier. Davon verstehen wir alle was. Wir sind mehr als die Fußball-Fans, denn es gibt Biertrinker, die Fußball blöd finden. Es gibt aber kaum Fußball-Fans, die Bier blöd finden. Hier aber will ich erklären, wie das kommt, und was es mit dem Bier auf sich hat.
Als Sie ganz klein waren, mochten Sie Bier nicht. Ab und an durften Sie mal den Finger in Vadderns Glas stecken, ablecken – brrrr…ist das bitter! Hat sich später gelegt. Es sei denn, Sie sind ein Mädchen. Mädchen mögen Bier noch weniger als Jungen. Bei manchen Mädchen, erst mal Frau, legt sich das auch, aber längst nicht bei allen – klammern sich lieber an ihren Weißherbst.
Bier hat den Vorteil, dass man relativ viel davon trinken kann. Jedenfalls in jungen Jahren; später legt sich auch das. Bier hat den Nachteil, dass man nicht jedes trinken kann; bei Wasser, O-Saft und Milch ist das nicht so.
Die meisten Menschen trinken am liebsten das Bier aus der Gegend, in der sie aufgewachsen sind – also das aus der Heimat. Später lernen sie alle möglichen Biere kennen, aber zuhause schmeckt eben das Bier von zuhause auch am besten. Ich zum Beispiel bin in Braunschweig aufgewachsen – also schmeckt mir Feldschlösschen und Wolters am besten; früher noch besser Gala, aber das gibt es nicht mehr. Bei der Bundeswehr – allerdings zu Zeiten, als es noch eine richtige Wehrpflicht gab und der Feind im Harz Hasseröder trank -, war die erste Frage der Norditaliener, wie in Lüneburg die Kameraden aus Bochum oder Kamen genannt wurden: »Gibt es hier denn kein Veltins?« Nee, hier gib’s nur Bitterbier aus’m Norden. Oder man hatte Geld und konnte sich die teuren Pilse von Königs, Bit oder Warsteiner leisten. Obwohl – in Bundeswehr-Kantinen waren die eigentlich nicht üblich.
Also trank man, was man bekam: Zum Beispiel Radeberger. Gab es bei Aldi. Schmeckte hervorragend. Wo kommt das denn her? Ah … grübel, grübel … aus der DDR. Nee, die Kommunisten wollen wir nicht unterstützen. Trinken wir nicht. Aldi hat vermutlich trotzdem Hektoliter um Hektoliter davon verkauft.
Man trinkt – noch einmal – das, was man zuhause hat. In Berlin zum Beispiel Schultheiß. Schmeckt zwar nicht – trotzdem. Soviel Lokalpatriotismus muss sein. Vom Fass, wenn es gut läuft, ist es ja auch nicht ganz so schlimm. VEB Engelhard – so lala. Berliner Kindl – bekomme ich immer Kopfschmerzen von, selbst von einer einzigen 0,3, vom alkoholfreien sogar üble Nachtmahre, das Wort »Alptraum« reicht dafür nicht. Dortmunder trinken am liebsten Union – vielleicht, weil die Brunnen angeblich unter den Dortmunder Friedhöfen liegen. Möge die Kraft der Ahnen auf uns übergehen, Bier wird es richten! Ein Saarländer ohne Karlsberg-Urquell-Flasche in der Hand ist ein Krüppel. Glauben manche Zeitgenossen an der Saar jedenfalls. Obwohl: Wenn sie, die Saarländer, einem Kumpel oder einer Kumpelin mitteilen möchten, dass er oder sie O-Beine hat, nehmen sie ihn oder sie beiseite und fragen diskret: »Bist du Fass-Zureiter bei Neufang?« Neufang ist der Name einer der örtlichen Bauereien.
So gäbe es noch viele Geschichten zu erzählen.
Manche Entwicklungen natürlich verstören den gewissenhaften Biertrinker. Warum, zum Beispiel, muss man, wenn man Techno-Musik liebt, dazu Becks Bier trinken? Es reicht doch, wenn die Musik irgendwie komisch ist. Oder: Warum ist Bier aus Mexiko so beliebt? Da haben die vom deutschen Reinheitsgebot doch noch nie ein Wörtchen gehört. An meinen Körper jedenfalls lasse ich nur Wasser, Gerste und Hefe. Andererseits: Im Bier sollen angeblich zig-Tausend Inhaltsstoffe schweben. Von denen man noch nicht einmal die Hälfte – also immer noch zig-Tausend – kennt. Was, wenn davon ein oder zwei extrem ungesund sind? Lassen wir dann das Biertrinken sein? Lieber nicht, kann ja sein, dass ein oder zwei superextrem gesund sind.
Bei all dem frage ich mich, warum für Bier noch Werbung gemacht wird. Und man dann zu seltsamen Koppelgeschäften eingeladen wird. Etwa: Wenn Du einen Kasten von diesem Gerstensaft kaufst, retten wir – die Brauerei – dafür soundsoviel Quadratmeter Urwald. Ich bin dann zwar ein guter Mensch, wenn ich immer sturzbetrunken im Sessel hänge – aber gibt es so viele Deutsche, dass dadurch der Regenwald komplett gerettet werden kann? Wir müssen ja noch ein paar Mädchen herausrechnen.
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