04 Dez 2009
So schön war es noch nie
Hauskatze: Sehr dominanter Wildtyp, schöngefärbt
Zum Glück ist er endlich vorbei, der November. In diesem Jahr war es noch schlimmer als sonst: Depression auf allen Kanälen, Krieg, der neuerdings auch so genannt wird, und zuletzt noch Frau Schavan bei Anne Will. Konsequenterweise Weltuntergang, allerdings erst 2012. Selbstkritisch wie wir nun mal sind, müssen wir zugeben: auch auf Blogmouse (gestartet im traurigen Monat November!) wurde bisher verdammt viel gemeckert, befürchtet und beklagt.
Dabei könnte alles so schön sein. Was spricht dagegen, die Augen zu schließen (genauer gesagt: nach innen zu drehen) und die wahre Schönheit zu sehen, die bekanntlich von innen kommt? Nichts, vorausgesetzt, man beherrscht die hierfür notwendigen Techniken, die zusammengefasst als postmoderner Fünfkampf bezeichnet werden. Als da wären:
- Schönschreiben
- Schönreden
- Schönfärben
- Schönrechnen
- Schöner Denken
Finden Sie heraus, in welcher Disziplin Ihre persönlichen Stärken liegen und wo Sie Ihre Persönlichkeit noch optimieren müssen!
Das Schöne am Schönschreiben ist, dass es noch einfacher ist als normales Schreiben. Und schon das kann ja heutzutage fast jeder. Anfänger nehmen bitte ein Blatt Papier (je nach Talent mit oder ohne Hilfslinien) und beginnen mit einer Reihe kleiner ell’s (Füllhalter wäre schön, aber nicht Bedingung). Sie werden sehen, diese Übung hat etwas Meditatives und bereitet Sie optimal auf komplexere Schönschreibtechniken vor.
Schreiben Sie als nächstes E-Mails. Versuchen Sie dabei nicht, den Schöngeist hervorzukehren. Springen Sie über Ihren Schatten und schreiben Sie “Hallo zusammen”, “Liebe alle” oder “Guten Tag”. Nutzen Sie die Antwort-Funktion zur quasi-industriellen Herstellung von inversen Fortsetzungsromanen. Erfreuen Sie Ihre Kollegen mit “Mail an alle”. Intrigieren Sie ruhig mal ein bisschen durch geschickte Wahl des Verteilers und durch Versenden von Blindkopien.
E-Mails schreiben ist schön, aber bald wird Ihnen das nicht mehr genügen. Beginnen Sie dann mit dem Schreiben von Posts in einem Forum Ihrer Wahl. Oder besser in mehreren, denn dann können Sie prima auf Ihre eigenen Posts in anderen Foren verlinken. Wenn auch das nicht mehr reicht, brauchen Sie ein eigenes Blog
Schönreden ist schon etwas schwieriger. Nicht jeder kann es. Vermeiden Sie vor allem, tiefer über die Sache nachzudenken, die es schönzureden gilt. Anfängern hilft vielleicht die Vorstellung, dass es bei ihrer Schönrederei keine Zuhörer gibt oder dass die komplett verblödet sind. Erfahrene Schönredner (mindestens einer/eine immer sonntags bei Anne Will) brauchen solche Autosuggestionsmethoden nicht mehr. Sorgen Sie aber unbedingt dafür, dass Zuhörer stets Zuhörer bleiben und nicht etwa anfangen mitzureden. Mitredner sind des Schönredners Tod!
Wer erst einmal das Schönreden für sich entdeckt hat, findet sicher auch Freude am Schönfärben, einer eng verwandten Technik. Der gewünschte Effekt wird beim Schönfärben allerdings nicht durch Rhetorik erzielt, sondern durch das geschickte Weglassen von missliebigen Komponenten der Realität. Sie können sich das ruhig wie auf einer Mischpalette vorstellen. Alle Farben zusammen ergeben nun mal Grau, und so ähnlich ist es auch mit der Realität.
Schönrechnen ist kein Bestandteil der höheren Mathematik. Sie müssen nicht mal unbedingt die Grundrechenarten beherrschen; hilfreich ist dagegen der sichere Umgang mit Excel. Das fröhliche Spiel mit den Zahlen wird Ihnen viele schöne Stunden bescheren, und zwar umso mehr, je weniger sie das Spiel durchschauen. Für Mathematiker ist eine Schönrechenaufgabe ein lineares Gleichungssystem mit mehr Gleichungen als Unbekannten. Na und?! Hüten Sie sich vor diesen Spaßverderbern!
Schöner Denken ist selbstverständlich die Königsdisziplin des postmodernen Fünfkampfs. Wie Sie wahrscheinlich schon vermutet haben, ist Denken bei den vier anderen Disziplinen eher hinderlich und sollte deshalb nach Möglichkeit wenigstens partiell ausgeschaltet werden. Schöner Denken ist dagegen ohne Denken gar nicht denkbar. Der Trick beim Schöner Denken besteht darin, zwar zu denken (durchaus tiefschürfend, wer will und kann), aber die Gedanken so zu separieren, dass die Schönheit des Gesamtbildes nicht durch leidige Schlussfolgerungen gemindert wird. Schöner Denken wird zur Perfektion gebracht, wenn es gelingt, jeden einzelnen Gedanken in eine winzig kleine Raum-Zeit-Blase zu packen. Die kleinen Blasen steigen dann auf wie in einem Glas Sprudelwasser, was dem Schöner Denkenden ein irgendwie prickelndes Image verleiht. Der Effekt hält aber nicht lange an.
Insgesamt gilt für den postmodernen Fünfkampf wie für jede andere Sportart, dass sich das einmal erreichte Leistungsniveau nur durch permanentes Training aufrecht erhalten lässt. Aber Sie werden sehen — wer einmal anfängt, mag sowieso kaum wieder aufhören.
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