16 Apr 2010
There’s no island like Island
Asche auf mein Haupt. Auch ich hatte schon fast die Hoffnung aufgegeben, dass der Einzelne etwas bewegen kann und wenige manchmal sogar viel. Dass man Intelligenz nicht im Schwarm findet und nicht 10.000 Lichtjahre von der Erde entfernt suchen muss. Dass irgendwo noch Licht brennt oder sogar noch Glut unter der Asche ist. Asche auf mein Haupt. Ich verneige mich vor den Isländern.
Island macht Dampf. Deutschland macht dicht.
Es gibt nur etwas mehr als 300.000 Isländer, also definitiv weniger, als es Hannoveraner (ohne Pferde), Leipziger oder Stuttgarter gibt. Tatsächlich gibt es fast genau so viele Isländer wie Bonner, nämlich 317.593 Isländer gegenüber 317.949 Bonnern (laut Wikipedia, die auch nicht mehr immer ganz up to date ist). Während man aber aus Bonn schon lange nichts mehr gehört hat, bringen es die Isländer fertig, die Welt binnen weniger als zwei Jahren gleich zweimal in ihren Grundfesten zu erschüttern. Jetzt mit ihrem Vulkan, dem Eyafjalla, aber auch schon im Herbst 2008. Ja, genau: da fing der Schlamassel an. Da schrubbten sie haarscharf am Staatsbankrott vorbei und — hallo — da war sie auf einmal da, die Weltwirtschaftskrise. Spiegel online weiß immer noch nicht genau, ob die Lage inzwischen besser ist als gedacht oder schlimmer als erwartet. Jedenfalls, wir, die Deutschen, müssen wegen der Isländer nun den Griechen aufhelfen. Behaupte ich mal. Allerdings (behaupte ich mal) hätte mein früherer Arbeitgeber auch ohne die freundliche Unterstützung der Isländer 2009 den Laden dicht gemacht. Wie überhaupt Deutschland zurzeit irgendwie dicht zu machen scheint. Diese Behauptung ist zwar nicht von mir, könnte aber glatt von mir sein. Aber ich hab ja noch mehr Ideen.
Ich behaupte also, das haben sie mit Absicht gemacht, die Isländer. Erstens das mit dem beinahe-Staatsbankrott. Denn die Isländer haben bekanntlich ganz andere Hobbys als Wirtschaft boomen und Überstunden machen. Lieber schön in der blauen Lagune rumliegen und so. Die Isländer haben in Europa mit die höchste Geburtenrate und (so wird behauptet) mit den höchsten Alkoholverbrauch pro Kopf. Es liegt auf der Hand, dass die Isländer von der Gleichmacherei der Globalisierung stärker betroffen wären als (beispielsweise) die Bonner. Das würde mir auch nicht gefallen, wenn ich eine Isländerin wäre. Die Blutbahnen der Globalisierung aber sind das Internet und der internationale Flugverkehr. Das Internet haben die Isländer bekanntlich längst mit ihren Trollen infiziert; beim Flugverkehr dagegen muss man schon handgreiflicher werden.
Aber die Isländer sind keine Terroristen, die Isländer sind erfinderisch. In Sachen Geothermie sind sie sogar (naturgemäß) Weltspitze. Jetzt haben sie also einen ihrer Vulkane gezündet — und die Welt steht Kopf. Hier eine kurze Zusammenfassung der Schlagzeilen aus unseren Leitmedien:
- ARD-Brennpunkt: Vulkanwolke legt Europa lahm
- FAZ: Aschewolke aus Island — Am Samstag wird es nicht besser
- Spiegel online (1): Eruption auf Island — Vulkanasche-Wolke stoppt Flüge über Europa
- Spiegel online (2): Airlines müssen Ticketpreis zurückzahlen
- Frankfurter Rundschau: Aschewolke kostet hunderte Millionen
- Süddeutsche: Stillstand, Chaos und Hunderttausende Gestrandete
- Die Zeit: Teure Asche
Fast könnte man befürchten, dass die Isländer demnächst regresspflichtig gemacht werden, weil sie ihren Vulkan nicht unter Kontrolle kriegen. Fast könnte man den Eindruck bekommen, dass sich überhaupt alles nur ums Geld dreht. Deshalb möchte Blogmouse an dieser Stelle etwas wirklich Wichtiges zum Vulkanausbrauch in Island sagen. Erstens: Schön, dass kein Isländer dabei ernsthaft zu Schaden gekommen ist. Zweitens: Schön, wie das aussieht, der Abendhimmel, von meinem Balkon, der genau Richtung Island schaut.
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