19 Jan 2010
Gut zu wissen: Es ist Deutschlandradio hier!
Wir hatten schon befürchtet, uns mangels Alternativen auf das im Grunde langweilige Hypermedium Spiegel online einschießen zu müssen. Doch siehe da, in der crossmedialen Einheitssoße materialisierte sich ein putziger Organismus, der sich räuberisch ernährt (Stichwort GEZ) und dessen Ausscheidungen teils aufreizend harmlos, teils aber giftig und/oder hirnschädigend sind.
Gemeint ist das am 18. Januar auf Sendung gegangene Internetradio »Deutschlandradio Wissen«. Was das Wissen anbelangt — darauf kommen wir noch. Richtig liegen Sie aber mit der Vermutung, dass Deutschlandradio Kultur der große Bruder von »Wissen« (so die Selbstbetitelung) ist. War auch nicht zu überhören, denn der große Bruder hat in den letzten Wochen für den kleinen ordentlich Werbung gemacht. Werbung ist an sich pfui (Drückerkolonne 2.0), aber nur, wenn man’s für Geld macht. Deutschlandradio macht’s nicht für Geld, sondern aus Nächstenliebe, zur Rettung der Bildung und als Nachweis für den ordnungsgemäßen Einsatz der eingezogenen Gebühren (GEZ). Ein bisschen natürlich auch, um die für die Werbung (Pfui! Igitt!) so interessante Zielgruppe der jungen, gebildeten Erwachsenen da abzuholen, wo sie nun mal ist, nämlich im Internet. Also, grob gesagt für Leute unter 60 mit DSL und einem IQ über 60.
Wie es sich gehört, hat das neue Internetangebot auch einen Slogan. Hat Blogmouse ja auch, siehe oben. Der Slogan von DRadio Wissen lautet: »Hirn will Arbeit«. »Arbeit braucht Hirn« hätte mir persönlich ja besser gefallen, aber mir muss es schließlich nicht gefallen und den Redakteuren von DRadio Wissen scheint’s zu passen. Es sind eben oft nur kleine Nuancen, die für pingelige Leute wie mich einen Riesenunterschied machen. (Astronomie vs. Astrologie und solche Sachen.) DRadio Wissen ist nicht pingelig. Im Gegenteil, selbst ein Thema wie Astrologie, das nicht mal XXXXXX XXXXXXX XXXXX. mit spitzen Fingern angefasst hätte, passt ganz selbstverständlich in diese neue Welt des Wissens. Denn schließlich möchte auch diese Redaktion wissen: Was hält die Zukunft für uns bereit? — und befragt, ganz ohne Berührungsängste, einen Astrologen. Klar, dass die Astro-Nummer für ein paar Irritationen gesorgt hat. Wissen und Astrologie, wie geht das zusammen? Ironie scheidet als Begründung leider aus, davon können Sie sich leicht selbst überzeugen. Provokation, um Hörer (User) anzulocken, eigentlich auch, denn sowas machen (Pfui! Igitt!) nur die Privaten. Wenn man sich auf der Suche nach dem Warum ein bisschen auf der dazugehörigen Website umsieht, drängt sich folgende Hypothese auf: Das Wort Wissen wird gar nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung gebraucht, sondern als eine Art Eigen- oder Markenname. Wie Blogmouse, ein Wort, das ja auch weiter nichts zu bedeuten hat. Nun könnte es aber vielleicht irgendwann passieren, dass man das Wort Wissen gar nicht mehr so ohne weiteres benutzen darf, dass man vielleicht gar eine Abmahnung für einen Artikel wie diesen bekommt?
Na ja, so unpfiffig wie das Angebot daherkommt, wird DRadio Wissen nicht so schnell die Herzen der User und damit das Wissens-Monopol erringen. Obwohl … im DRadio-Wissen-Blog ist zu lesen: »Bereits jetzt folgen uns über 140 150 400 Leute – wir sind begeistert.« Und Blogmouse ist ein bisschen neidisch: Über 140 Millionen bei nur 80 Millionen Einwohnern! Vielleicht stimmt das auch gar nicht, die Zahl stammt vom Astrologen, aus dem Kaffeesatz oder der Webstatistik des Providers? Wir Wissen es nicht. Dank Wissen wissen wir jetzt aber Folgendes:
Britische Mütter haben noch vor der Arbeit den meisten Stress
so der Titel meiner Lieblingsmeldung (bislang). Genauer gesagt, erreicht der Stresspegel der britischen Mütter um 8:25 sein Maximum, auf dem Weg zur Schule. Wieder so ein feiner, kleiner Unterschied, denn bei mir (einer deutschen Mutter) erreicht der Stresspegel sein Maximum bereits 7:25. Es ist eben Deutschland hier.
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