03 Dez 2010

Internet Journalismus 2. Lektion – Material für die Kulisse

Abgelegt 10:07 unter Medien

Heutzutage in einer Redaktion zu arbeiten, ist purer Stress: Meetings, Video-Konferenzen, Team-Sitzungen, Projektbesprechungen, Lenkungsausschuss und vieles Weiter mehr nagen am Zeitbudget, so dass für die eigentliche Arbeit keine Zeit mehr bleibt. Geliefert werden muss trotzdem. Wohl dem, der in seiner Trickkiste genug Material für die Kulisse hat. Deshalb lernen Sie heute in unserem kleinen Kurs in Internet-Journalismus, wie man diese Kiste füllt. Auch Politiker, Chefs und alle anderen, die glauben, etwas zu sagen zu haben, können hier noch was lernen.

Kulissen nennt man die großen, auf Pappe gemalten Bilder, die im Theater bald hier, bald da hin gestellt werden. Benötigt ein Regisseur einen Wald, wird der eben auf Pappe gemalt und auf die Bühne verfrachtet. Diese Waldbilder kann man immer gebrauchen, egal, ob bei »Wilhelm Tell« oder beim »Freischütz«. Der versierte Internet-Journalist sollte mehrere Kulissen-Sätze und –Satzteile in seinem Besitz haben, auf jeden Fall sollte er sie erkennen können.
»…Geld wurde in die Kassen gespült« – diese Kulisse sollten Sie kennen, sie wird jeden Tag mehrfach aufgestellt. Sie wird immer dann benutzt, wenn Sie nicht genau wissen, um welche Beträge es sich wirklich handelt, dem Leser oder Hörer aber unterschwellig verdeutlichen wollen, dass es sich in jedem Fall um unglaublich viel Geld handelt. Das Bild ist eindeutig: Geld ist etwas Flüssiges. Flüssiges – sagen wir: Wasser – läuft immer bergab, es sammelt sich immer da, wo sowieso schon viel Wasser ist – und da bleibt es. Wenn also Geld in die Kassen von – sagen wir: den vier Stromkonzernen – gespült wird, bedeutet dies, dass sie wieder etwas gemacht haben, dem Geld den Weg in ihren Geldsee zu bahnen. Bedeutet: Es wird aus Ihrer Kasse in die Kasse der Stromkonzerne umgeleitet. Das geht schnell. Wird ja auch gespült. Damit da auch ja kein Rest irgendwo hängen bleibt und nicht in den Geldsee will. Klar auch, dass in Ihre Kassen niemals Geld gespült wird. Ihre Kasse liegt einfach zu hoch. Im Grunde brauchen Sie keine Kasse: Falls da nämlich mal was reingespült werden würde, würde es sich schnurstracks weiter spülen lassen.
»Aus meiner Sicht« – wenn Sie das hören, wissen Sie: Was dann folgt, stimmt, wird gemacht, ist Gottes Wort, keine Widerrede, Sie haben keine Ahnung. Auf den Blick scheint das nicht so zu sein, denn diese Satz-Einleitungs-Kulisse deutet ja erstmal an:

1. Ich bin bescheiden und weiß um meine Subjektivität.
2. Der Tellerrand ist zu hoch, ich kann da nicht drüber hinweg sehen.
3. Der Kirchturm ist zu niedrig.
4. Ich habe keinen Überblick.
5. Ich habe keinen Durchblick.
6. Ich habe etwas Hartes vor dem Kopf, das nach Holz riecht und mir die Sicht versperrt.
7. Ich bin blind.
8. Können Sie mir helfen?

Aber Vorsicht: Die Satz-Einleitungs-Kulisse ist Stückwerk und muss von Ihnen, dem mit allen Wasser gewaschenen Internet-Journalisten als Halbsatz verstanden werden. Der unausgesprochene Teil des Satzes lautet nämlich: »…aber da ich hier das Sagen habe, wird alles so gemacht, wie ich es für richtig halte. Da können Sie noch so andere Sichten haben.«
»Beste … aller Zeiten« – sehr praktisches Kulissen-Kleinteil, passt nämlich immer dann, wenn Sie im Kulturteil schreiben müssen, und nicht wissen, wie Sie ihr Wohlgefallen an einer CD, an einem Buch usw. kundtun können. Es suggeriert nämlich:

1. Ich kenne alle, aber wirklich alle CD (Bücher, Konzerte, Autos usw., setzen Sie ein, was immer Sie wollen).
2. Ich habe schon immer gelebt und werde immer leben.
3. Ich bin klug und weise, mir erzählt man nichts.
4. Ich weiß alles, Du nix.

Der Satz, richtig gehandhabt, bringt ohne weiteres Nachdenken Honorar für mindestens eine Zeile. Ihre Aussage können Sie auch unangreifbar machen, wenn Sie ihn beispielsweise für eine CD anwenden, die man nicht irgendwo herunterladen kann, die es im nächsten CD-Laden schon gar nicht gibt, und nur bei Amazon über einen obskuren Händler angefordert werden kann, der die aber erst in den USA bestellen muss, was mindestens vier Wochen dauert.
»Das war ein guter Tag für die Demokratie« – wird von Politkern in jüngerer Zeit beinahe regelmäßig angewendet, kann aber von Ihnen als Kommentator des Weltgeschehens natürlich auch eingesetzt werden. Dieser Kulissensatz ist allerdings mehrdeutig, denn er sagt nichts über Ihre wirkliche Meinung aus. Er wird beispielsweise von Politikern immer dann angewendet, wenn diese in einer parlamentarischen Demokratie, oft – aber nicht immer – demokratisch gewählten Politiker gerade von den Teilnehmern eines Runden Tischs, einer Schlichtung, eines Parteitags, einer Bundesvollversammlung oder eines germanischen Things abgewatscht wurden. Als Journalist können Sie ihn gebrauchen, falls das Votum Ihnen insgeheim gefällt, der Linie Ihres Mediums aber widerspricht. Falls das Votum der rund-geschlichteten Things aber die ohnehin vorherrschende Meinung bestätigt, stimmt er ja auch irgendwie. Er stimmt eigentlich immer. Komisch. Aber praktisch.

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