24 Nov 2009

Thiel, Flemming – und nun noch die Dänen

Abgelegt 00:13 unter Medien

Sonntag für Sonntag: Der Tatort
Sonntag für Sonntag: Der Tatort

Vor vielen Jahren, in der Bronzezeit des Fernsehens, liefen Krimis etwa so ab: Am Anfang passierte ein Mord. Da gab es im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Der Zuschauer sah den Täter nicht. Oder der Zuschauer sah den Täter, wusste also schon mal Bescheid. Dann kam der Kommissar mit seiner Mordkommission. Nun wurde es spannend: Der Zuschauer konnte mit dem Kommissar – Der Alte oder Der Kommissar – rätseln, wer denn nun der Täter war. Oder – da er ja wusste, wer der Täter war – der Zuschauer schüttelte den Kopf, wie lange der Alte oder der Kommissar wieder brauchte, um herauszubekommen, wer der Täter war – dabei war es ja eigentlich ganz klar. Zum Schluss wurden alle Beteiligten in einen Raum eingepfercht, und der Kommissar überführte den Täter.

Überflüssig zu sagen, dass es zu dieser Zeit lediglich um den »Fall« ging. Um Nebensächlichkeiten wie Bürokratie oder gar Familie ging es nicht. Das ist heute anders. Egal, wie es anfing, ob mit Felmy oder mit George, also mit Kommissar Haferkamp oder mit Schimanski; Haferkamp war zwar geschieden, aber immer noch mit seiner Ex verbunden. Schimanski war unstet, hatte aber wenigstens eine halbwegs feste Freundin. Seitdem hat sich noch mehr geändert. Inzwischen ist es selbst bei Krimis interessanter, was im Privatleben der Polizisten passiert, als im »Fall« – der wird ohnehin gelöst, das ist sicher. Absolut. Im Privatleben ist gar nichts sicher. Das wissen auch die Zuschauer. Dem werden die Krimis inzwischen gerecht. Bis zur Satire. Bis zur Blödheit.

Drei Beispiele.

Frank Thiel ist Kommissar in Münster, Professor Boerne – zum Dr. hat er es wohl irgendwie nicht gebracht, komisch bei seinem Dünkel – Gerichtsmediziner ebenda, Nadeshda Krusenstern Gehilfin des Kommissars, Wihelmine Klemm – gespielt von Mechthild Großmann, im wirklichen Leben eine beeindruckende Tänzerin -, Staatsanwältin und »Alberich«, also eigentlich Silke Heller, die Gehilfin von Boerne; eine gewisse Rolle spielt noch der Vater von Thiel, Herbert Thiel, der sein Dasein als Taxifahrer fristet, wie es nun mal Althippies in Deutschland tun. Wie in jedem richtigen Comic haben diese Figuren allesamt eine Macke:

Thiel, angeblich mal verheiratet, nähert sich Frauen mit dem Gespür, das ein Brontosaurus gegenüber Meißener Porzellan aufbringen könnte.

Boerne ist nicht wirklich gut erzogen oder gebildet, sondern ein Feuilletonist: Er tut als ob und kommt häufig, aber keineswegs immer, damit durch. Als Forensiker scheint er gar nicht so schlecht zu sein, aber, um das beurteilen zu können, fehlt dem Zuschauer eben die Sachkenntnis.

Frau Großmanns zentrales Problem ist, eine Raucherin sein zu müssen, aber es nicht wollen zu dürfen; bleibt zu hoffen, dass sie lange heimlich unheimlich raucht, damit man ihre interessante Stimme hören kann. In der Sache sagt sie zu allem Ja und Amen, wenn sie auch alle außer sich selbst für kindlich bis kindisch hält.

Frau Krusenstern kommt aus Polen. Oder eher Russland. Ansonsten ist sie normal. Jedenfalls der fleißigste Menschen in diesem Zirkus.

Frau Heller ist kleinwüchsig. Ansonsten ist sie normal. Jedenfalls die Geduldigste in diesem Zirkus.

Herbert Thiel hat diesen Sohn. Das ist nicht normal. Wie kommt ein Alt-Hippie, der sich für einen Outlaw hält, zu einem Sohn, der dringend Polizist sein will? (Eventuell erzieherische Über-Kompensation? Wir werden später Herrn Flemming fragen.)

Das jedenfalls ist das Personal. Emotional passiert hier nichts außer der Liebesbeziehung zwischen Thiel und Boerne. Sie sind nicht schwul, können aber sämtlichen Frauen des Ensembles – Krusenstern, Heller, Großmann – nichts abgewinnen. Finden sich aber gegenseitig interessant.

Hier wird nie etwas passieren. Der Zuschauer kennt das Privatleben der beiden einigermaßen, kennt sogar deren Wohnungen – Thiel und Boerne leben unter einem Dach. Aber das Gefühlsleben ist monolithisch. Behende wie ein Hochhaus. Eine Frau – für Boerne oder für Thiel – würde das ganze System zum Einsturz bringen. Es würde langweilig werden.

Deshalb werden Thiel und Boerne einsam altern. Aber nicht ohne Partner, sie haben ja sich.

- Übrigens: Wenn man bei Google »Tatort« eingibt, bekommt man gleich eine Liste, bei der Tatort Münster ganz oben steht. –

So eine Disney-Truppe kann man eine haben, aber nicht mehrere. Also kamen die Redaktionen auf neue Partnerschaftsmodelle. Besonders modern sind jetzt geschiedene Paare, die im Beruf aufeinander gehetzt werden. Simone Thomalla und Martin Wuttke spielen Kommissarin Eva Saalfeld und ihren Gehilfen Andreas Keppler; waren mal verheiratet. Das kann nicht gut gehen, zumal Frau Thomalla immer zu enge Kleidung trägt. So giften die beiden sich genau so an, wie man es erwartet. Nach zwei Folgen war das eigentlich schon langweilig. Kam wahrscheinlich zu vielen Zuschauern zu bekannt vor.

Hat das ZDF nicht verstanden und setzte mit »Flemming« noch eins drauf: Flemming (Samuel Finzi) – Polizeipsychologe – und seine Ex, Kommissarin Ann Gittel (Claudia Michelsen), müssen blöderweise auch zusammenarbeiten. Flemming sieht zwar aus wie ein netter Dackel, der eigentlich bloß gestreichelt und in Ruhe gelassen werden will, aber da ist er bei Gittel falsch – hätte er eigentlich bei all seinem Seelendurchblick längst mitbekommen müssen. Außerdem ist er nicht halb so nett, wie er dreinschaut. Für ihn ist die Welt eine Versuchsanordnung für Psychologen. Für ihn.

Privatleben haben beide nicht – wozu auch, gibt ja die Büros im Polizeipräsidium. Spart man Kulisse.

Und dann kamen die Dänen, vereint mit dem ZDF: »Protectors« nennt sich das Ganze und es gab vorerst fünf Folgen. Es ist eine Truppe von Personenschützern, denen allerlei heikle Aufgaben übertragen werden. Eigentlich sind es zwei Gruppen von Protectors: Ein Truppe von alten Brummbären und –frauen, und drei Novizen, die man per Casting von der Polizeischule geholt hat, zwei junge Männer und eine junge Frau mit Kohlenblick. Die junge Frau ist eigentlich Ägypterin und daher Muslima, versucht aber, sich das nicht anmerken zu lassen – sie hat kein Kopftuch! In der vorerst letzten Folge musste sie sozusagen in die eiskalte Schwefelsäure springen und wurde von ihren Dienstherren veranlasst oder genötigt oder befohlen – keine Ahnung, wie das in Dänemark geht – mit einem der jungen Kollegen gemeinsam in einem Hotel-Doppelzimmer zu übernachten, weil nebenan die zu beschützende Person nächtigte (ja, auch der dänische Staat muss sparen und kann seinen Leuten nicht ohne triftigen Grund Einzelzimmer finanzieren). Das war nun die britische Umweltministerin, die aufgrund eines ihr übergebenen und diverse Geheimnisse beinhaltenden USB-Sticks Entführungsopfer einer Gruppe von radikalen Umweltschützern wurde. Deren Anführer wiederum war ein alter, nun wieder auf freien Fuß gesetzter RAF-Terrorrist –schauder, ein Deutscher -, der die idealistischen jungen Leute aber nur im Auftrag der Ölindustrie um vier Ecken instrumentalisierte. Ihm ging es nur darum, den USB-Stick zu bekommen und verschwinden zu lassen. Das war nicht so einfach.

Deshalb noch ein paar dicke Klötze: Der RAF-Terrorist – ebenso distinguiert wie widerlich: Wolf Roth – hatte im wilden West-Berlin der wilden Sechziger-Jahre eine Beziehung mit der damals noch jungen Umweltministerin. Zwar war sie da noch nicht Ministerin, hatte aber fest vor, eine zu werden und konnte daher das Kind aus dieser Beziehung nicht recht gebrauchen – also Adoption. Der Erzeuger dieses Kindes aber behielt über RAF und Knast und vorgebliche Läuterung zum Umweltaktivisten hinweg das Kind im Auge – wie? Na, Sie können Fragen stellen – und erpresste seine ehemalige Freundin nun mit der Sprengung eben dieses Kindes samt inzwischen eingetroffener Kindeskinder. Das ist nur möglich mit den richtigen Genen: Sein Vater war bei der SS.

Aber das war alles gar nicht so wichtig: Wichtig war, dass der eine Polizist mit seiner Frau haderte, dass diese nun –auch wegen seiner vielen Seitensprünge – sich beruflich nach Berlin verändert und damit die gemeinsame Tochter zur Scheidungsnomadin gemacht hatte – zu seinem Leidwesen, waren doch nun manches Wochenende futsch und die berufliche Karriere geschmälert. Die Muslima hatte Probleme mit ihrer Schwester, die darauf brannte, Papa und Mama einzuweihen, dass da vielleicht, vielleicht was mit dem Kollegen lief – ja, das Wort »Satansbraten« wurde für jüngere Geschwister erfunden. Der Polizeipsychologe der Truppe hatte größte andere Probleme damit, die Sekretärin der Truppe zu einer medizinischen Untersuchung zu drängen; in Wirklichkeit hatte sie bloß Angst vor ihrem 50. Geburtstag und der deshalb nötigen folgenden Feierei mit ihren Kollegen, was man als Zuschauer im Nachhinein verstehen kann. Angeblich gibt es noch mehr Folgen, der Zuschauer wird eventuell noch erfahren, was die unterkühlte Polizeipräsidentin für noch viel größere Probleme hat, vielleicht gibt es auch noch ein paar StaSi-Agenten, und möglicherweise kann der Psychologe seinen Job nur mit Absynth und dem Abhören alter Caruso-Schellacks auf einem Braun-Schneewittchensarg ertragen, den er von seinem Cousin, der bei der Berliner Stadtreinigung auf dem Recyclinghof Ruhleben arbeitete, erhalten hat, und den jener dort illegalerweise aus dem Schrott gezogen hat, deshalb entlassen wurde und nun am Stutti als Rausschmeißer dahinlebt, während der ehemalige Besitzer der Stereoanlage froh war, das Möbel endlich los geworden zu sein, sogar umweltverträglich, war es doch letzter Beweis seines Verhältnisses mit eben der Freundin der Schwester jenes Polizeipsychologen, die ihm das Ding…

Lassen wir das. Sind ja nur Krimis. Die gehen immer gut aus.

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