01 Dez 2009
Am Sonntag gehört Vati … ja, wem eigentlich?
Konsumtempel mit Gleisanschluss: Der Leipziger Hauptbahnhof in der Adventszeit
Es war einmal – da musste die Hausfrau, wenn ihr denn am Sonnabend Abend oder am Sonntag Mittag etwas Zucker, Salz oder Mehl fehlte, zur Nachbarin gehen und fragen – haben Sie, könnten Sie? Das ging immer gut – wenn die eine nicht konnte oder wollte, dann wollte oder konnte die andere. Heute ist das anders. Ob besser, werden wir noch sehen.
Denn heute sind die Läden auch am Sonnabend bis wenigstens 20 Uhr geöffnet. Ausreden wie »Leider kann ich keine Eierpfannkuchen machen, Salz, Mehl und Eier sind alle« gelten nicht mehr. Hier und da, etwa im Bahnhof Leipzig, kann man auch am Sonntag Nachmittag Lebensmittel aller erdenklichen Art kaufen. Immer. Das ganze Jahr hindurch.
Heißt dann allerdings nicht Lebensmittel. Sondern Reisebedarf.
Das treibt seltsame Blüten: Falls Ihnen Sonnabend Nachmittag einfällt, dringend eine USB-Festplatte zu benötigen – kein Problem. Sie marschieren um 19 Uhr 30 bei Saturn ein, und wenige Minuten später können Sie den Laden mit einer Festplatte gewünschter Größe wieder verlassen. Sie wissen sonntags um 14 Uhr 30 nicht, was Sie abends auftischen wollen? Kein Problem: Sie gehen zu Rewe und kaufen 1,2,3 Fertigpizzen. Ist immer noch billiger als der Pizza-Service.
Ob der Einzelhandel wirklich nur überleben kann, weil es diese Möglichkeiten gibt? Dazu hat er nie was gesagt.
Dem munteren Treiben hat das Bundesverfassungsgericht heute, 1. Dezember 2009, einen winzigen Riegel vorgeschoben: Berlin darf in Zukunft seine Läden nicht mehr an allen vier Adventssonntagen geöffnet halten. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit hat denn auch gleich die Befürchtung, dass nun die Leute ihre Fertigpizza nicht mehr in Berlin, sondern in New York oder London kaufen werden. Na, dann muss Berlin eben noch etwas länger quietschen, also sparen, um diesen Verlust auszugleichen. Und das ist auch gut so.
Denn – Wowereit weiß davon nichts – es gibt zwar nicht mehr viele Familien, die sich sonntags um den Adventskranz versammeln wollen. Aber: Dass es sie nicht gibt – könnte es nicht unter anderem daran liegen, weil eben das halbe Wochenende Vati nicht da ist, und die andere Hälfte Mutti nicht da ist, weil sie der »Wirtschaft« zur Verfügung stehen müssen? Klar, es gibt Berufe, da gehört Arbeit Tag und Nacht, Sonnabend und Sonntag dazu: Feuerwehrmann, Arzt, Krankenschwester. Aber muss man am Sonnabend Abend eine Festplatte oder einen LCD-Fernseher kaufen können? Muss man am Sonntag Nachmittag die Möglichkeit haben, eine Flasche Weichspüler, einen Sechser-Träger Bier und zwei Pizzen kaufen zu können?
Könnte natürlich sein, dass der Vati A nur dann Zeit hat, wenn Mutti A zufällig auch Zeit hat, beide also am Sonnabend um 16 Uhr 30 zu Saturn (Media Markt usw.) gehen können, wenn Mutti B gerade dort arbeitet, während Vati B zur selben Zeit bei Obi Spanplatten sägt und deshalb Sprössling B bei Oma B geparkt wurde, damit Vati und Mutti A eine Festplatte kaufen können, denn am nächsten Sonnabend muss Vati A auf der Feuerwache sitzen, während Mutti A bei Bijou Brigitte, 40 Meter von Saturn entfernt, äußerst exklusiven Plastikschmuck an elektrogebräunte Teenager verkaufen muss – oder aufpassen, dass die den nicht klauen -, deshalb erst am Sonntag Lebensmittel einkaufen kann, denn Vati A kommt erst Sonntag morgens um 6 Uhr von der Arbeit, muss sich dann um die Maulkörbe im Verein für Friedfertige Pitbulls e. V. kümmern, während man sich zur gleichen Zeit im Berliner Abgeordnetenhaus den Kopf darüber zerbricht, wie man dieses Urteil des »ewiggestrigen« BuVerfaGer möglichst raffiniert und gleichzeitig kirchenfreundlich – »Erhebung der Seele«, bruhaha – umgehen kann, liegt Vati B mit Mutti B im Bett, ist aber sehr müde, weil er gerade an seine ab 10 Uhr anzutretende Tätigkeit als Aushilfswachmann bei Bijou Brigitte denkt, wird dabei aber von Sprössling B gestört, der nach Aufenthalt bei Oma B einige Fragen bezüglich Altersarmut hat…
Mit anderen Worten: Wir haben alle zu tun. In Berlin ist das jetzt an vier Sonntagen im Dezember nicht mehr erlaubt. Jedenfalls nicht jedem.
Kaufen wir unsere Festplatte und unsere Pizza eben in New York. Und schicken Herrn Wowereit eine Ansichtskarte von Bloomingdale’s.
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