04 Mai 2010

Die Griechen und die Kruzifixe

Abgelegt 07:58 unter Medien, Politik

Gestern Abend fand Claus Kleber vom Zweiten Deutschen Fernsehen endlich einmal eine Minute Zeit, seinem Publikum zu erklären, wie das mit der finanziellen Hilfe für Griechenland eigentlich wirklich funktioniert. Wir von Blogmouse hoffen, dass vor allem die Mitarbeiter der Zeitung mit den vier großen Buchstaben im Titel vor ihren Mattscheiben gesessen und gut aufgepasst haben. Allerdings hat Herr Kleber bei seiner Zuhörerschaft sehr auf gründliche Kenntnisse in der Prozentrechnung vertraut. Da haben wir hier bei Blogmouse einige Zweifel (PISA!) und werden Herrn Klebers Rede noch einmal kurz erklärend nachvollziehen. Und da wir gerade beim heutigen Journalismus sind, werden wir den auch nicht nur im Großen, sondern auch gleich im Kleinen bewerten. Rating muss sein.

Das mit dem vielen Geld für Griechenland geht so: Griechenland ist klamm. Geschwindelt haben sie auch und allen arglosen Mit-EU-Staaten griechischen Wein eingeschenkt. Bis zum Abwinken. Nun ist alles rausgekommen und keine Bank der Welt will denen noch Geld geben. Die fixen Mädchen und Jungs in den britischen Rating-Agenturen haben die Griechen erst einmal in den Keller geratet, woraufhin die international agierenden Großbanken die Zinsen für Kredite in für jeden Staat unerreichbare Höhen geschraubt haben. Wohl gemerkt: Rating-Agenturen sind nicht unabhängig.
Kredite mit derartigen Zinsen kann also kein Land verkraften. Griechenland bekäme auf dem so genannten internationalen Geldmarkt Geld nur noch für 13 Prozent. 100 Euro bekommen, 113 zurückzahlen, innerhalb eines Jahres. Da wandten sich die Griechen nun an die EU. Zu der gehört auch Deutschland. Deutschland will helfen.
Das geht so: Da Deutschland nicht in Grund und Boden geratet wurde, bekommt Deutschland auf demselben internationalen Geldmarkt Kredite für 3 % Zinsen. 100 Euro bekommen, nur 103 Euro zurückzahlen. Das Geld zu leihen, dazu wird die KfW, Kreditanstalt für Wiederaufbau, ermächtig, auf dem internationalen Geldmarkt. Die KfW ist eine Bank, die nach 1945 eingerichtet wurde, damit die Gelder des Marshal-Planes ordentlich verwaltet werden konnten. Damals gab es nämlich Staaten, allen voran die USA, die den Deutschen Geld leihen wollten, damit diese aus dem selbst angerichteten Desaster wieder herauskommen. Hat ja auch geklappt. Obwohl es damals weit weniger Grund gab, den Deutschen zu helfen, als heute den Griechen.
Aber wir schweifen ab.
Nun leiht sich also die KfW Geld. Insgesamt 22, 4 Milliarden Euro. Das ist eine große Zahl, die wir hier wegen Platzmangel nicht aufschreiben können. Dieses Geld wird nun in drei große Teile geschnitten und in diesem Jahr bekommen die Griechen davon etwas über 8 Milliarden, im nächsten noch mal, im übernächsten den Rest. Das leihen wir großzügigen Deutschen den Griechen. Nicht für 13 %. Aber auch nicht für 3 %. Sondern für 5 %. Die Griechen müssen der KfW also statt 100 Euro 105 zurückgeben. Das ist viel weniger als 113 Euro. Das sollte zu schaffen sein. Gut, wahre Freundschaft sieht anders aus, aber so lange kennen wir die Griechen ja nun auch wieder nicht. Außerdem heißen da zu viele Leute Odysseus.
In diesem Jahr also rund gerechnet 8 Milliarden. Zu 5 %. Das sind allein in diesem Jahr 400 000 000 Euro, die wir von den Griechen bekommen. 240 Millionen davon gehen an den internationalen Geldmarkt zurück, Sie erinnern sich, die 3 %, den Rest sacken wir, die Deutschen, ein. Und die Griechen zahlen in diesem Jahr für 8 Milliarden Euro Kredit Zinsen, im nächsten für 16 und im dritten Jahr für eben diese 22,4 Milliarden. Hübsches Geschäft für uns. Sollte der höchst unwahrscheinliche Fall eintreten, dass die Griechen nicht zahlen, so wird man sich was Neues überlegen müssen. Aber niemand kann in die Zukunft sehen.
Außer denen, die bei BILD und SPON und einigen anderen Medien schreiben dürfen. Dafür können die offensichtlich nicht rechnen. Bei Prozentrechnung gefehlt.
Oder hingen da etwa zu viele Kruzifixe in den Klassenzimmern? Da hat die neue Sozialministerin von Niedersachsen, Frau Aygül Özkan, ja furchtlos drauf hingewiesen. Worauf die Großbuchstaben-Schreiber gleich über sie hergefallen sind, Frau Özkans Chef gleich mit. Wir von Blogmouse erst einmal nicht. Denn wir fragten uns: Hängen denn so viele Kruzifixe in niedersächsischen Klassenzimmern, dass das Lernen der Prozentrechnung verhindert wird? Glücklicherweise haben wir einen Niedersachsen in unserer Redaktion. In vier niedersächsischen Schulen gestählt.
Er berichtet aus den 1960er- und 1970er-Jahren (also noch ein wenig finsterste Adenauer-Zeit!): Zuerst eine katholische Volksschule besucht. In jedem Klassenzimmer ein (1) Kruzifix. Gut, wenn nicht in einer katholischen Grundschule, wo dann. Danach hat unser niedersächsischer Gewährsmann trotzdem die Aufnahmeprüfung eines staatlichen Gymnasiums geschafft. Dort gab es keine Kruzifixe. Auch an den Wänden der anderen beiden staatlichen Gymnasien, die unser Niedersachse besuchte – und er tat das über viele Jahre gründlich, musterte die nackten Wände zahlloser Klassenzimmer über einen ungebührlich langen Zeitraum -, fanden sich keine Kruzifixe. Offenbar waren Sinn und Zweck von Kruzifixen – von wegen Werte des christlichen Abendlandes – unbekannt, sonst hätten sie ja eins aufgehängt. Eins in jedem Klassenzimmer.
Unser Niedersachse war schon lange nicht mehr in einem niedersächsischen Schulgebäude. Und keine zehn Pferde werden ihn dahin je zurückbringen.
Aber könnte nicht mal Frau Özkan, vielleicht mit Herrn Wulff gemeinsam, die eine oder andere Schule in Niedersachsen besuchen, um nach den Kruzifixen zu schauen? Sie könnten ja auch ein paar Journalisten mitnehmen. Die müssten dann nicht von selbst darauf kommen, Gerede von der Realität unterscheiden zu lernen.

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