14 Dez 2009
Liebes Schnitzel!
Informations-Pool: So viel Sie wollen, was Sie wollen.
Die Medienlandschaft ist in Bewegung. Das ist sie eigentlich immer, aber viele Jahre ging es nur darum, noch eine Computerzeitschrift auf den Markt zu werfen, noch eine Tageszeitung umzugestalten – Mehr Farbe! Mehr Rat geben! – und noch ein Magazin für Frauen zu lancieren, bis jede noch so kleine Zielgruppe bedacht ist – 14jährige Mädchen mit Zahnspange und Pferdeallergie bekommen ja schließlich auch Taschengeld. Aber das ist hier nicht gemeint. Es sind auch nicht die Zeitungsverleger vom Schlage Alfred Neven DuMonts gemeint, die irgendwie den Staat mit »ins Boot holen« wollen – das ist hier kein Zitat, denn so sagt das DuMont natürlich nicht.
Er möchte viel mehr sein Zeitungsimperium behalten, obwohl das längst nicht mehr das einbringt, was es jahrelang einbrachte. Das »unten« sparen, also bei Redakteuren und freien Mitarbeitern, bringt nicht genug, Zentralredaktionen und »Schreiber-Pools« hin oder her, kaufen und lesen will das Zeug wohl auch niemand mehr, und Anzeigen schalten lohnt sich ohnehin nicht. Da soll gefälligst der Staat einspringen. Etwa: Mehrwertsteuer für Zeitungen runter. Schon seltsam, wenn hier ein Unternehmer, dessen »Geschäftsmodell« nicht mehr in seinen Ansprüchen genügender Weise funktioniert, nun weniger Umsatzsteuer zahlen will, der Staat also verzichten soll, was dann andere Unternehmer, die weiterhin für ihre Produkte den vollen Mehrwertsteuersatz nehmen müssen, ausgleichen dürfen. Dass die Verbraucher wegen der hohen Mehrwertsteuer schreien, ist klar, da hört kein Finanzminister hin. Aber warum schreien eigentlich die Unternehmer, deren Produkte weiterhin mit 19 % Umsatzsteuer belegt werden, nicht laut, wenn andere Unternehmer sich bevorzugt behandelt wissen wollen? Wer sitzt hier eigentlich mit wem »im Boot«? Die Unternehmer offensichtlich in zwei Booten.
Aber auch das ist hier nicht mit Bewegung in den Medien gemeint.
Eines Tages bekam man in der Leitung des Montagsmagazins DER SPIEGEL mit, dass es da so eine neue Sache namens Internet gibt. Nach einigen Schreckjahren machte DER SPIEGEL mit SPIEGEL Online – kurz SPON – auch mit. Man nahm ein paar junge Leute, die man für »Internet-affin« hielt und ließ diese ein an das gedruckte Magazin angelehntes Online-Portal basteln. Geld verdiente man damit zwar nicht, aber irgendwie war das wichtig, so etwas zu haben. Und während die Print-Ausgabe in den Zeitschriftenläden von den wenigen Käufern wegen des auf den Heften liegenden Staubes immer erst kräftig abgepustet werden musste, wurde SPON bekannter und beliebter, bis die Site endlich zu den meist-besuchten deutschen Sites im Netz gehörte und sogar Geld einbrachte. SPON sah nun aber ganz anders aus, als wohl mal beabsichtigt: Während das Print-Magazin nichts mehr darstellt – man erinnere sich: da fand mal richtiger Journalismus statt, Neue Heimat oder HS30 -, versucht SPON, die noch BILD-mäßigere BILD-Zeitung zu sein. Die Zutaten kennt man, sie lassen sich mit ein paar Worten beschreiben: Klamauk, Halbwahres, Nicht-Verstandenes und ein bisschen Sextaner-Erotik. Dazwischen natürlich wichtige Leute wie Boris Becker und Megan Fox.
Und wie lautet die Antwort der BILD Zeitung? Neín, falsch. Nicht dasselbe, bloß noch abgeflachter. Sondern – wie der SPIEGEL in alten Tagen – Aufdeckung von Skandalen auf höchster Ebene. Eine Sache wie die Bomberei in Kundus hätte früher der SPIEGEL aufgedeckt, vielleicht auch der STERN (Wo ist der eigentlich? Liest man da etwa gerade wieder Tagebücher?). Aber das macht heute die BILD Zeitung, dort findet der investigative Journalismus der Neuzeit statt. Vielleicht – Blogmouse weiß das nicht – wird die Redaktion aus dem Bundesverteidigungsministerium ein bisschen mit »Geschichten« versorgt. Und die kommen jetzt scheibchenweise ans Licht, BILD will ja jeden Tag verkauft werden.
Und was treiben die bürgerlichen Medien? Etwa die ZEIT? Die bringt für Sachsen nunmehr einen ständigen Teil. Hat nur Sachsen. Weil die Sachsen so schlau sind? Weil die Sachsen so blöd sind? Oder warum? Natürlich kann man dahin heikle Themen aus dem Fokus der Bundesausgabe der ZEIT wegschieben. Wie beispielsweise einen Artikel über das neue Man-könnte-es-Kitsch-nennen-Paulinum in Leipzig. Ist eine lange Geschichte. Aber die will die ZEIT nicht allen Bürgern der Republik zumuten. Da schickt sie lieber zwei Mitarbeiter zu Tom Waits, Interview. Das liest sich wie ein Satire, die Waits sich selbst ausgedacht hat. Etwa so:
Frage: Ihre Songs sind ja dicht bevölkert mit den seltsamsten Figuren, wie man sie im Alltag nicht oft trifft. Ziehen sie auch mal hinaus in die Welt der Geschundenen, um Songs mit Ihren Beobachtungen zu füllen?
Waits: Jemand, der tatsächlich unter einer Brücke lebt, ist nicht unbedingt imstande, einen Song darüber zu schreiben.
Okay, wir Leser haben kapiert. Die beiden Interviewer nicht, fragen dann nämlich:
Aber Sie können sich in die Leute unter der Brücke hineinversetzen?
Waits: Ich verstehe sogar, was Mord ist. Dafür muss ich niemanden umbringen.
In diesem Moment war er wohl nahe dran. Eigentlich hätten die beiden nun gesenkten Hauptes davonschleichen müssen. Aber sie quatschen weiterhin dummes Zeug (»Eine Ihrer wichtigsten Entscheidungen betraf den Alkohol.«) .
Ja, der Journalismus hat sich auch verändert. Gut, dass Herr DuMont demnächst einen Schreiber-Pool aufmachen will.
Ach so: Falls Sie demnächst wissen wollen, wie man ein Schnitzel brät – fragen Sie nicht das Schnitzel.
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