12 Nov 2009
Schuld und Sühne
Leider noch nicht fertig: das Paulinum in Leipzig
Wer als Nicht-Leipziger und unbelastet von Vorwissen die viel gerühmte und tatsächlich schöne Leipziger Innenstadt vom Augustusplatz her betreten will, wird sich irritiert fragen: Was ist das denn? Was will das sein? Wuchtig und raumgreifend steht er da, der am heftigsten umstrittene Neubau Leipzigs seit der Wiedervereinigung. Das »Paulinum« ist ein Mehrzweckbau der besonderen Art: Kirche, Aula, Konzerthalle — all in one. Leider nicht ganz fertig geworden bis zum Festakt, mit dem die Universität Leipzig in diesem Herbst ihr 600-jähriges Bestehen begeht. Schuld ist (mal wieder) die Krise, die den beauftragten Architekten in die Pleite gestürzt hat.
Apropos Schuld. Dass das Gebäude überhaupt errichtet wurde, hat mit Schuld zu tun. Um nicht zu sagen mit Sühne. An eben dieser Stelle — zwischen Augustusplatz und Innenstadt — wurde am 30. Mai 1968 die Paulinerkirche in die Luft gesprengt, ebenso das daran angrenzende Augusteum, das ehemalige Hauptgebäude der Universität. Man brauchte Platz für neue Universitätsbauten, in denen junge Menschen zu nützlichen Mitgliedern der sozialistischen Gesellschaft herangebildet werden sollten. »Das Ding muss weg«, soll Walter Ulbricht gesagt haben, als er von der benachbarten Oper aus Studenten aus der Paulinerkirche strömen sah.
Das Ding kam weg. Die Forderung nach dem Wiederaufbau folgte auf dem Fuß. Lange Zeit dürfte die Empörung weit größer gewesen sein als die Hoffnung. Und ja: öffentliche Empörung erforderte anfangs Mut; Hoffnung zu haben, grenzte an ein Wunder. Auch nach der Wende war es keine ausgemachte Sache, den Akt der Barbarei durch einen Neubau zu sühnen. Von Januar 1990 bis Juli 1998 hatte ich als junge Wissenschaftlerin mein Büro in jenem hässlichen Flachbau, der an der Stelle des Augusteums errichtet worden war und der im neuen Jahrtausend — Auge um Auge, Stein um Stein — abgerissen wurde, um seinerseits Platz zu machen für etwas Neues.
Und jetzt steht sie da, die Paulinerkirche … Universitätskirche? Oder wie? Nein, eine Kirche ist es nicht, was da nach so viel Streit am Augustusplatz entstanden ist. Dass das neue Ding nach außen hin so tut, macht die Sache erst schlimm. Die »gotische« Betonhülle beherbergt einen Andachtsraum und die Aula, beides sauber getrennt durch eine Glaswand. Ein Kompromiss also, der trennt anstatt zu verbinden. Ein Gottesdienst wird hier nie stattfinden, trotzdem — oder gerade deshalb — steht die Frage im Raum, was das neue Ding in einer Stadt mit mehrheitlich nichtchristlicher Bevölkerung eigentlich soll. Von einem »Erinnerungsort« sprechen die einen, von einem »Sühnebau« die anderen. Beide Gruppen werden nie zueinander finden, und das liegt nicht an der Glaswand.
Holzstele am Stadrand. Letztes Jahr gab es noch eine Messingtafel, hinzugekommen ist seitdem das »Graffitti«. In Höhe des I’s ist noch die Jahreszahl 1968 zu erkennen.
Wie erinnert man an vergangenes Unrecht auf angemessene, das heißt respektvolle und zugleich eindringliche Weise? Auch ich weiß nicht, wie das geht, im Allgemeinen. Aber im Falle der Paulinerkirche weiß ich, wo der wahre Erinnerungsort liegt. Es ist ein unscheinbares Hügelchen am Stadtrand von Leipzig, ganz in der Nähe eines anderen, kolossal missglückten Erinnerungsbaus. Das Hügelchen war nicht immer da, erst seit 1968. Inzwischen üppig bewachsen ist es das, was nach der Sprengung von der Paulinerkirche übrig blieb. Über die Sache wächst kein Gras, aber auf dem Hügelchen wachsen Brombeeren.
51° 18.505′ N
12° 25.512′ E
Zur Geschichte der Paulinerkirche
Um 1230 siedelten sich in Leipzig Dominikanermönche an. Die Dominikaner gehörten zu den Bettelorden; sie fühlten sich einem Leben in Armut verpflichtet und bestritten ihren Lebensunterhalt durch Arbeit, Schenkungen und eben Betteln. Für die Klosterkirche St. Pauli (»Paulinerkirche«) wurde ihnen von der Stadt ein Bauplatz dicht an der Stadtmauer, nahe des Grimmaschen Tors, zur Verfügung gestellt. Die Kirchweihe erfolgte 1240.
Im Jahr 1409 wurde die Universität Leipzig gegründet, deren Geschichte seither eng mit der der Paulinerkirche verknüpft ist. Über mehrere Jahrhunderte hinweg fanden dort bedeutende Universitätsangehörige ihre letzte Ruhestätte.
1539 wurde im Zuge der Reformation der Dominikanerkonvent aufgelöst. Gegen den Einspruch der Stadt Leipzig übereignete Herzog Moritz von Sachsen der Universität die gesamte Klosteranlage.
1545 wurde die Paulinerkirche von Martin Luther als evangelische Universitätskirche geweiht. Seitdem wurde die Kirche sowohl für Gottesdienste als auch für akademische Festakte genutzt.
1710 erhielt die Paulinerkirche die Erlaubnisse öffentliche Gottesdienste abzuhalten.
1813, während der Völkerschlacht, diente die Kirche als Lazarett und Gefangenenlager.
1836 wurde das Augusteum fertiggestellt, das Hauptgebäude der Universität, das sich links an die Paulinerkirche anschloss und mit dieser bis zur Sprengung beider Gebäude ein harmonisches Ensemble bildete.
Am 4. Dezember 1943 erlebte Leipzig den schwersten Bombenangriff. Die Paulinerkirche wurde im Gegensatz zu vielen anderen Gebäuden am Augustusplatz nur leicht beschädigt.
Seit Mitte der 1950er-Jahre existierten Pläne einer sozialistischen Umgestaltung des Platzes vor der Paulinerkirche. Kirche und Augusteum passten nicht in diese Pläne.
Am 20. Mai 1968 wurden Kirche und Augusteum gesprengt.
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