26 Nov 2009

Höher, weiter, schneller – pardauzer!

Abgelegt 16:38 unter Medien, Wirtschaft

Im Sport scheint es derzeit nur noch um Tod und Betrug zu gehen. Möglich, dass sich seit den Zeiten des Circus Maximus’ tatsächlich nichts geändert hat. Heutzutage sind es vier Gruppen, die am Sport interessiert sind, und jede hat Interesse daran, dass der Sport genau so bleibt, wie er ist. Und alle Beteiligten versuchen, ihre Hände in Unschuld zu waschen.

Da sind zunächst die Sportler: Da macht einem jungen Menschen Laufen oder Springen, Rad fahren oder Schwimmen Spaß, sein Talent wird entdeckt, es gibt Training, Wettkämpfe, Auszeichnungen und dann auch Geld. Damit ist der Sportler in ein System integriert, das ihn braucht. Denn das Geld kommt nicht von wohltätigen Mäzenen, sondern von Medien – allen voran dem Fernsehen – und Sponsoren; Vater Staat gibt natürlich auch einiges dazu. Zwischen Sportler und Geld aber steht die Verwaltung des Sports, zu der neben den Funktionären der Verbände – so etwas wie die Zünfte des Mittelalters – natürlich auch die Manager der Sportler gehört. Diese drei Gruppen sind gleichzeitig Wirt und Parasit des jeweils anderen, jeder weiß vom anderen, dass der ihn braucht: Gibt es in einer Sportart ungewohnt hohe Leistungen – im Sport sehr einfach festzustellen: höher, weiter, schneller -, interessiert sich bald das Fernsehen, das öffentlich-rechtliche wie das private, dafür, die Sportfunktionäre legen den Preis fest und wenn die Wettkämpfe jener Sportart dann häufig genug im Fernsehen zu sehen sind, gehen auch die Protagonisten dieser Sportart nicht leer aus. Ein wunderbares System, das jedem zum Vorteil geraten könnte, gäbe es nicht den kleinen Haken, dass es immer um Wettkampf geht und nur einer der Sieger sein kann: Der bekommt das größte Stück, die anderen kleinere, die letzten nicht mal mehr Krümel. Also möchte jeder erster sein, und das eben – leicht einzusehen – kann nicht sein. Also wird nachgeholfen.

Selbst dann könnte das alles noch wunderbar funktionieren, ist doch das Objekt der Begierde die vierte Gruppe in diesem Spiel, die der Zuschauer. Denn letzten Endes, man kann es drehen und wenden, wie man will: Die Zuschauer bezahlen das alles, gleichgültig ob im Stadion oder vor dem Fernseher, als Staatsbürger, selbst als Konsument von Geflügelwurst, Reisen oder Autos – fast immer steht da ein freundlich lächelnder, höchst erfolgreicher Sportstar, der uns den Kauf empfiehlt.

Der sportbegeisterte Zuschauer nun ist der Blödmann in diesem Spiel. Dass er alles bezahlen muss, juckt ihn nicht sonderlich. Dass ihn alle möglichen Sportler, die auch gern Erster sein möchten, es aber eigentlich nicht aus eigener Kraft zustande bringen können, ihm vorgaukeln, es doch zu können – stört ihn auch nicht. Seine eigene Lebenserfahrung – dass manche Leistungen eben schlichtweg nicht »normal« sind  - stört ihn auch nicht: Angeblich können manche Leute nur aufgrund von Talent, Training und passender Ernährung tagelang bei größter Hitze in aberwitzigem Tempo mit einem Fahrrad höchste Berge rauf fahren, was die meisten Zeitgenossen noch nicht einmal bergab schaffen würden, geschweige denn, in der Ebene. Aber stundenlang sitzt er, der Zuschauer, schaut Tour de France und glaubt, oder tut so, als ob er glaubt. Es ist derselbe Glaube, der ihn im Kino befällt, wenn er sieht, wie gerade die Welt untergeht, oder Batman durch die Lüfte segelt. Will sagen: Der Zuschauer weiß, dass das alles nur gespielt ist, Trick. Beim Sport wird bloß so getan, als sei es kein Trick.

Die, die das sagen könnten, halten den Mund, würde ja eh nichts ändern. Eine besonders seltsame Rolle spielen hier die Medien, oder besser gesagt: das Fernsehen. Wo das Fernsehen im Sport seine Kameras aufbaut, ändern sich die Maßstäbe und manchmal allein deshalb auch die Regeln. Ein Basketball-Spiel von heute verhält sich zu einem von vor 30 Jahren wie Pogo zum Ballett des 19. Jahrhunderts. Beispielsweise will ja die Werbung eingebaut werden. Natürlich zahlt das Fernsehen einen gewaltigen Batzen Geld für die jeweiligen »Übertragungsrechte«

Kommt es dann zu Unregelmäßigkeiten in dem geölten Ablauf – Doping, Wettbetrug, und nun auch Selbsttötung -, dann geriert sich eben das Medium, das das Karussell maßgeblich mit in Gang setzt, als Aufklärer, als Kritiker. Warum soll der Zuschauer das glauben? So sind all die Äußerungen von Sportfunktionären wohlfeil – sie sind am System beteiligt, machen es aber nicht. Die Entrüstung der Sportjournalisten im TV – wohlfeil; auch sie sind indirekt am System beteiligt, mehr, als gut ist. So wird es Betrug im Sport – sei es Doping aller Art, seien es Wetten – im Sport geben, so lange es dieses System der Finanzierung gibt – ein anderes ist aber auch nicht in Sicht.

Deshalb ist Häme etwa über Claudia Pechstein, die sich mit allen Mitteln gegen den Vorwurf des Dopings wehrt, fehl am Platz, erst recht von denen, die ihr gestern noch ob ihrer Fabel-Siege medial zujubelten. Für die Medien gibt es neue Sportler, neue Wettkämpfe, neue Dopingfälle – für Pechstein geht es um ihre Glaubwürdigkeit und um ihre Existenz.

Bleibt eigentlich nur: Weg vom Fernseher. Selbst Sport machen. Vielleicht – pardauz – bricht dann das System zusammen.

Keine Kommentare

Kommentare als RSS

Einen Kommentar schreiben

SEO Powered by Platinum SEO from Techblissonline