17 Nov 2009
Vom Verschwinden der Werte
Friedhof der Blechträume
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es etwa 82 Millionen Einwohner und etwa 43 Millionen Autos. Busse, LKW usw. eingerechnet. Ein Auto ist also ein Konsumgut wie beispielsweise ein Fahrrad, ein Computer oder eine Stereoanlage. Sollt man denken. Ist aber ganz anders. Wie anders, zeigt die Geschichte von Herrn H.
Herr H. fährt gern Auto. In den vergangenen vier Jahren hat er zwei Autos gehabt, jeweils Gebrauchtwagen. Als das erste Auto, ein kleiner Kombi, vom Hagel in eine Art Streuselkuchen aus Blech umgewandelt wurde, und die Versicherung ihm mitteilte, dass sein Auto nun ein »wirtschaftlicher Totalschaden« sei, dachte Herr H. taktisch und strategisch und machte das Schicksal des Autos vom nächsten TÜV-Termin abhängig. Es fügte sich glücklich, dass Hagelschlag und TÜV-Termin in der richtigen Reihenfolge stattfanden.
Beim TÜV erklärte ihm der Gutachter: Ein Scheinwerfer verstellt, aber nicht mehr einstellbar, eine Bremsleitung marode, ein Bremszylinder ohne jede Wirkung. Kein TÜV. In der Werkstatt rechnete man kurz und kam auf einen Euro-Betrag zur Reparatur und erneuten TÜV-Vorstellung, der den Restwert – was für ein schönes Wort – des Autos in den Schatten stellte.
Beim Händler um die Ecke stand Ersatz. Drei Jahre alt, 11 000 Euro. Herr H. kaufte das Auto. Für seinen fahrbaren Streuselkuchen bekam er aus Mitleid 500 Euro gut geschrieben. Das neue Auto kostete also 10 500 Euro; für ein Auto, das wie neu aussah, neu roch und neu wohl mal 27 000 oder 28 000 Euro gekostet hatte, ein erfreulich niedriger Preis. Herr H. wollte nicht mehr als 10 000 km im Jahr fahren, und dann das Auto nach zwei Jahren für 6000 bis 7000 Euro wieder verkaufen. So hatte Herr H. sich das gedacht.
Insgesamt fuhr Herr H. das Auto dann 27 Monate lang, knapp 20 000 km. Er bekam für das Auto noch 4800 Euro.
Danach machte Herr H. eine Rechnung auf. Er wollte wissen, was das Auto wirklich gekostet hatte. Ganz genau konnte er das zwar nicht nachverfolgen, aber die Rechnung, die sich ihm präsentierte, sah ungefähr so aus:
Steuer und Versicherung: 1275,00 Euro
Benzin für 20 000 km 2574,00 Euro
Reparaturen/TÜV 2750,00 Euro
Diverse Kleinkram 400,00 Euro
Zusammen also 6999,00 Euro. Plus 10 500 Euro für das Auto selbst. Das Auto hatte in 27 Monaten also 17499 Euro gekostet. Von dieser Summe zog Herr H. 4800 Euro ab. Blieben 12 699 Euro. Die tatsächlichen Kosten. Das Auto hatte also jeden Monat, den es im Besitz von Herrn H. gewesen war, etwa 470 Euro gekostet. Wesentlich mehr als die Kaltmiete seiner Wohnung.
Herr H. sann darüber nach, wo die Kosten entstanden waren. Nicht bei der Steuer – das waren 130 Euro pro Jahr. Nicht bei der Versicherung – das waren um die 400 Euro pro Jahr. Nicht beim Benzin – das waren etwa 2500 Euro in mehr als zwei Jahren.
Die Kosten wurden durch den Wertverlust des Autos und durch außerplanmäßige Reparaturen (Federn vorne, Schramme auf der ganzen linken Seite mit anschließender Fahrerflucht, abgerissener, weil falsch konstruierter Auspufftopf) in die Höhe getrieben. Kosten also, auf die kein Fahrzeughalter Einfluss hat. Gemessen an diesen Kosten spielt etwa die Kfz-Steuer, über die immer so viel geredet wird, überhaupt keine Rolle. Bei der Kilometerzahl spielen auch die Benzinkosten keine Rolle.
Herr H. sah bekümmert drein und zog sein Fazit:
1. Autofahren ist etwas für sehr reiche Leute.
2. Die deutsche Autoindustrie bildet sich auf ihre Produkte sehr viel ein. Warum eigentlich? In vier Jahren hatte Herr H. zwei Autos gefahren, bei denen zwei Frontscheiben zu Bruch gingen, ein Bremszylinder nicht mehr bremste, eine Bremsleitung fällig war, ein Scheinwerfer unbrauchbar wurde, die Halterung eines Auspufftopfes abrostete und eine Feder vorn zu Bruch ging – natürlich mussten dann beide ausgetauscht werden.
3. Politische Entscheidungen samt Gerede von Politikern schmälern den Wert eines Autos. Herr H. dachte nach: Würde er z. B. einen Opel kaufen? Natürlich nicht. Nicht, weil die Autos schlechter als andere sind. Sondern weil die Firma schlecht geredet wird. Das wirkt sich auf den Gebrauchtwagenmarkt aus. Abwrackprämien geben älteren Autos auf dem Gebrauchtwagenmarkt dann den Rest.
Herr H. saht aus dem Fenster und notgedrungen einen Teil der 43 Millionen Autos, Busse, LKW. Viele davon sind noch nicht einmal bezahlt, sondern werden gerade bezahlt. Herr H. mochte lieber nicht weiter darüber nachdenken, fragte sich aber doch: Wie machen die das? Monat für Monat mehrere hundert Euro weggeben, nur, um sich am Sonntag Brötchen vom Bahnhof zu holen und einmal im Jahr in den Urlaub zu fahren.
Herr H. ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen, bis er seinen alten Stereoverstärker sah: 33 Jahre alt, 350 DM. Funktioniert wie am ersten Tag. Er sah seinen sieben Jahre alten Computer – nie eine Reparatur gebraucht, erfüllt nach wie vor seinen Zweck. Er dachte an das über 60 Jahre alte Fahrrad seines Vaters, mit dem man nach wie vor durch die Gegend fahren kann. Hatte mal 150 Mark gekostet. Also Pfennige je Monat. Und täglich werden es weniger. Manche Werte bleiben uns eben erhalten.
Keine Kommentare
