21 Feb 2011
Fehler vs. Täuschung
Vor ein paar Tagen war zu lesen, dass wir immer noch Einzeller wären, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, Fehler zu machen. Hätten sich die Einzeller via Fortpflanzung exakt kopiert, wären sie immer noch Einzeller. So aber, mit der Möglichkeit, in die DNA auch ein paar Fehler einzuschleusen, wurden sie zu Zweizellern, Dreizellern usw. bis sie zu jenen Milliarden-Billionen-Zellern wurden, die ein Ding im Kopf herumtragen, das von sich behauptet »Ich« zu sein, aber jeder Zeit in der Lage ist, dies zu bestreiten.
Ganz klar also: Fehler können durchaus zu etwas Gutten…, ähh, Gutem führen.
Fehler könne aber auch dazu verleiten, stundenlang über deutsche Promotionsordnungen, die Berechtigung, einen akademischen Titel zu tragen – gehört zum Namen? Oder vielleicht doch nicht? –, wie viel ein deutscher Professor verdient (A13? Oder doch mehr?), ob alle Doktors Fälscher oder wenigstens Abschreiber sind und vieles mehr nachzudenken.
Und gut, dass es das Internet gibt, Hort der Wahrung des Urheberrechts, denn dort hat man Erfahrung mit Kopieren, ohne zu fragen, wem das gehört, was man da kopiert.
Also schnell selbst ein Wiki aufgesetzt, auf dem man mal alle Plagiate in Karl Theodor zu Guttenbergs Diss listet, man hat ja sonst nichts zu tun. Bald hat man zig, ach was, hunderte Plagiate in KTs Arbeit gefunden. Inzwischen ist schon klar, dass Worte wie »der«, »die«, »das« oder »und« eindeutig Kopien aus anderen Texten sind – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Es ist ja einzusehen, dass ein Wort wie »Gründungswillen« nicht jedem Gehirn einfallen kann, dazu muss man schon Jura studiert haben, und wer es verwendet, kann es nur seinem Urheber wegkopiert haben. Das Wort weist ja schließlich eine gewisse »Schöpfungshöhe« – ja, so reden sie, die Juristen – auf. Aber hätte unser Verteidigungsminister nicht selbst ein paar Worte erfinden können?
Hat er nicht gemacht. Er hat noch nicht einmal gewusst, dass man in einer ansonsten zusammengeklauten Arbeit wenigstens die Einleitung selbst schreibt – denn wenn die Gutachter auch sonst nichts lesen, die Einleitung lesen sie allemal (vielleicht nicht gerade in Bayreuth). Es ist also ein wenig fraglich, ob diese Zellteilerei, damals bei den Einzellern, wirklich so erfolgreich war. Ist es ein sicherer Weg, Fehler zu machen, damit genug Zellen im Oberstübchen landen? Oder war die Evolution auf dem Holzweg, ausgerechnet das Konzept »Fehler« zum Motor des Forschritts zu machen? Ist der Mensch gegenüber dem Einzeller ein Fortschritt? Stellt der Jurist an sich einen weiteren Fortschritt oder einen Rückschritt dar?
Und da stellen sich gleich weitere Fragen, deren Antworten wir nirgends kopieren können: Ist eine Täuschung oder ein Plagiat immer ein Fehler? Oder nur dann, wenn sie respektive es entdeckt wurde? Hätte die Evolution auch nur mit Täuschungen funktionieren können? Mit Fehlern funktioniert es zugegebenermaßen nun auch nicht so toll, aber man kommt ja klar. Kann der Zellhaufen unter der Schädeldecke verlauten lassen – und sogar eine Unterschrift veranlassen –, er werde nicht täuschen, wenn derselbe Zellhaufen schon längst beschlossen hat, dafür massenhaft »Fehler« zu machen? Ist nicht schon das eine Täuschung? Oder ist das ein Fehler? Oder vielleicht beides? Oder einfach – unser Zellhaufen zwischen den Ohren macht gerade, was er will – einfach nur: dumm (1)?
Aber da türmen sich schon neue Fragen auf: Passt »dumm« besser zu »Fehler« oder besser zu »Täuschung«? Und wie passt das Wort dumm zu dem Wort »Verteidigungsminister«?
(1) Das Wort »dumm« wurde in diesem Fall entnommen: Tucholsky, Kurt: Kluge Leute können sich dumm stellen. Das Gegenteil ist schwieriger.
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