18 Nov 2009
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: alles für umsonst?
Gedrucktes Wörterbuch, um 2003
Und schon ist es wieder so weit. Bald nach vier wird es dunkel, Glühweingeruch hängt in der Luft und die Menschen sind geneigt, für wohltätige Zwecke zu spenden. Das weiß auch Jimmy Wales, der mit dem verklärten Blick eines Erleuchteten von der Spendenaufruf-Seite der Wikipedia schaut. 14 Mio Artikel sind nicht genug, es sollen 25 Mio werden. 330 Mio Leser sind nicht genug, es sollen 500 Mio werden. 0,7 Mio gespendete US-Dollar sind auf keinen Fall genug, es sollen 7,5 Mio werden.
Letztes Jahr zur selben Zeit hieß es visionsschwanger:
Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder Mensch auf der Erde freien Zugang zu lexikalischem Wissen hat!
Darüber habe ich mich seinerzeit an anderer Stelle ein bisschen lustig gemacht. Im Krisenjahr 2009 ist der Aufruf weniger verträumt, sondern eher handfest (und man ist inzwischen halbwegs beim Du):
Stärke Wikipedia für die Zukunft! Spenden Sie jetzt
An anderer Stelle ist zu lesen »Wikipedia ist da, wenn Sie sie brauchen — jetzt werden Sie gebraucht«. Irgendwoher kenne ich diesen Ton, und ich mag ihn nicht. Ganz besonders dann nicht, wenn er wie im Falle Wikipedia die Freiheit als Kronzeugin für die eigene Rechtschaffenheit aufruft. Okay, die Freiheit, die sie meinen, ist klar definiert (und das ist ja schon mal was): »freie Inhalte« bedeutet, dass die Texte einer bestimmten Lizenz unterliegen, die an die GNU-Lizenz für Open-Source-Software angelehnt ist. Das ist im Detail alles recht kompliziert, aber im Grunde interessiert den Nutzer/Leser nur eins: das hier ist umsonst. Wäre dem nicht so, hätte die Wikipedia niemals ihre heutige Größe und Verbreitung erreicht. Dies zu sagen, schmälert nicht die Leistung derer, die Artikel für die Wikipedia geschrieben haben.
Das Problem ist nur, dass es keiner sagt, sondern dass stattdessen von Visionen und Weltverbesserung die Rede ist. Ich bezahle keinen Cent (wie auch sonst nirgends im Internet), wenn ich mich auf Wikipedia für die Hausaufgabe meines Sohnes über die Unterschiede zwischen Froschlurchen und Schwanzlurchen informiere. Ohne Wikipedia hätte ich mir das selbst im Internet zusammengesucht, und ohne Internet hätte ich geschaut, was das Bücherregal oder die Schulbibliothek hergibt. Dank Wikipedia geht es bequemer – aber rechtfertigt das den Gebrauch des sehr bedeutenden Wörtchens »frei«? Frei ist die Wikipedia ganz sicher auch nicht im Sinne eines freien, offenen Gedankenaustauschs. Dazu müsste man nämlich Meinungen zulassen. Doch »neutral« sollen die Artikel sein, was beim Satz des Pythagoras in der Natur des Objektes liegt und auch bei den Frosch- und Schwanzlurchen noch leicht machbar ist. Aber was ist mit Atomkraftwerken, Fußballvereinen, Gentechnik, Parteien, Regisseuren, Rockbands oder der Sozialgesetzgebung? Und vor allem: Wer legt fest, welches die neutrale Position ist? Natürlich ein Administrator.
Stichwort Gleichheit. Nach allem, was über die Motivation von Wikipedianern zu lesen war, spielt für viele eine Rolle, innerhalb der Wikipedia einer Gemeinschaft anzugehören. Eine Gemeinschaft von Gleichen kann dies aber höchstens ganz am Anfang gewesen sein. Längst ist die Wikipedia-Gemeinde ein erschreckend hierarchisches Gebilde, in dem lösch- und regulierungswütige Administratoren Neulinge eher verprellen als ermutigen. Große Wellen hat in den vergangenen Monaten die Diskussion um Relevanzkriterien in der deutschen Wikipedia geschlagen. Um zu sehen, wie lächerlich dies ist, muss man gar keine Fallbeispiele bemühen. Als die Diskussion losbrach, umfasste die deutsche Wikipedia knapp 1 Mio Artikel. Kann man konsensfähige Relevanzkriterien aufstellen, nach denen 1 Mio Artikel mehrheitlich relevant sind? Finden sich Menschen, die diese Regeln auf den Bestand anwenden und Irrelevantes aussortieren? (Möchte man solche Menschen gern kennen?) Wer kontrolliert die Kontrolleure und welchen Sinn hat das alles? Gleichheit produziert die Wikipedia in ganz anderem Sinne: Was die Frosch- und Schwanzlurche betrifft, haben sicher auch andere Eltern in die Wikipedia geschaut. Wenn 15 Kinder eine identische Aussage über Lurche von sich geben, ist diese dann relevanter oder gar wahrer als die »abweichenden« Aussagen der 9 anderen Kinder? Welche Quelle benutzt der Lehrer?
Und Brüderlichkeit? Schaut man sich die eine oder andere Diskussionsseite an, sieht man, dass es bei der Wikipedia schon mal ruppig zugehen kann. Da ich mich aber selbst mit meinem Bruder oft übel gezankt und sogar geprügelt habe, würde ich das nicht überbewerten. Nur: Wir haben damit aufgehört, als ich 12 und er 13 war.
Fazit: Liebe Wikipedianer, was ihr geschaffen habt, ist zuweilen gut und nützlich. Wenn ihr euch mal ein bisschen locker macht, könnt ihr die Wikipedia sicher noch verbessern. Was ihr auf diese Weise aber nicht verbessern könnt, ist die Welt. (Trost: auf andere Weise wahrscheinlich auch nicht.) Mag sein, dass die Wikipedia eine Enzyklopädie ist, aber sie ist ganz sicher keine Religion. Ihr braucht keine Propheten. Wenn ihr euch fragt »Warum mache ich das eigentlich?«, dann müsst ihr die Antwort schon in euch selbst suchen. Findet ihr dort nichts, dann lasst es bleiben. Und wenn doch: Have a lot of fun!
Ein Kommentar

[...] die Wikipedianer unter Freiheit verstehen, können Sie hier nachlesen. Was das »Ehrenamtliche« angeht, so treibt das seltsame Blüten, etwa, wenn ein [...]