20 Dez 2009
Im Reformhaus nichts Neues
Nur im Reformhaus: Geschichte Klasse 5
Mein jüngerer Sohn besucht die fünfte Klasse eines Gymnasiums in Leipzig. Sein großer Bruder hat vor drei Jahren an dieser Schule sein Abitur gemacht. Damals war die Schule auf dem besten Weg, sich den Ruf einer Skandalschule zuzulegen — von der »Nazischule« war gar die Rede. Ich war mir ziemlich sicher, den Jüngeren später einmal nicht auf diese Schule zu schicken.
Letztes Jahr am Tag der offenen Tür habe ich meine Meinung geändert. Die Schule ist jetzt eine Ganztagsschule, man feilt am vertieften wirtschaftlichen Profil und erteilt Unterricht in Blöcken von 1½ Stunden. Die ehemalige, skandalöse Schulleiterin ist verschwunden. Der neue Schulleiter stellte seine Schule auf eine Weise vor, dass man meinte, gar keinen Lehrer vor sich zu haben. Es hätte mich allerdings stutzig machen müssen, wie stark der eloquente Mann immer wieder die notwendige Unterstützung durch die Eltern betonte. Nun ja, erfahrene Erziehungsberechtigte wissen, was man von ihnen erwartet: Zimmer renovieren, Feiern organisieren und für unerschwingliche Extras (wie Turnhallen) spenden. Wohl deshalb habe ich mir nicht viel dabei gedacht.
Inzwischen investiere ich jede Woche mehrere Stunden, um mit meinem Sohn Hausaufgaben zu machen. Andere mögen das normal finden, ich nicht. Zu meiner Schulzeit gab es Lehrer, die eine (Haus-)Arbeit glatt mit 5 (in der DDR die schlechteste Note) bewertet haben, wenn die »Unterstützung« durch Mutter oder Vater allzu offensichtlich war. Mein Sohn dagegen wäre schon mehrmals mit unerledigten Hausaufgaben in der Schule erschienen, wenn ich ihn nicht »unterstützen« würde. Ich tue das, aber ich tue es zähneknirschend und am Sinn zweifelnd: Warum stellen Lehrer Hausaufgaben, von denen sie wissen (müssen!), dass sie nicht von den Kindern allein gemacht werden können? Was die Kinder damit vor allem lernen ist: Niemand erwartet ernsthaft von mir, dass ich die offiziell gestellte Aufgabe tatsächlich erledige. Gefragt sind »Softskills«: Wie stelle ich es am besten an, dass jemand anderes meine Arbeit macht? Wie simuliere ich Engagement, ohne mich wirklich engagieren zu müssen? Was muss ich tun, um mit minimalem Aufwand wenigstens nicht negativ aufzufallen? Tolles Konzept für eine Schule, die in ihrer Selbstdarstellung ihr wirtschaftliches Profil betont.
Ansonsten blieb vieles beim Alten: Stundenausfall schon bei den Kleinen (die dann sich selbst überlassen sind), eine Schulkantine, die nur die Abgebrühtesten nicht vom Essen abschreckt, kein Geld für <whatever you need> …
Warum sollte es auch ausgerechnet bei diesem Gymnasium anders sein als allgemein im deutschen Bildungssystem: Wer will, dass die wirklich wesentlichen Dinge konstant bleiben, erreicht dies am sichersten durch permanente Reformen.
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