21 Nov 2009

Wie die Dampfmaschine der Bildung ausgemustert wurde

Abgelegt 19:19 unter Wissen

Mal ganz geballt: Das Wissen der Welt
Mal ganz geballt: Das Wissen der Welt

Lexikon [griech. Lexikón (biblión) »das Wort betreffend(es Buch) «, zu lexis »Rede«, »Wort« ], das, -s/…ka und …ken,
1) allg.: alphabetisch geordnetes Nachschlagewerk für alle Wissensgebiete oder ein bestimmtes Sachgebiet.

Alles klar?

Präludium

Unter Buchhändlern und Verlagsleuten hieß es viele Jahrzehnte lang: Wenn die Deutschen auch sonst kein Buch kaufen, ein Lexikon kaufen sie immer. Dem konnte man kaum widersprechen. Ausgeklügelte Direktvertriebsmodelle – das böse Wort »Drückerkolonne« kommt uns dabei nicht in den Sinn -, Buchclubs und ein interessierter Buchhandel sorgten dafür, dass neben den Likörgläsern auf Pfanne aus getriebenem Kupfer und dem Hochzeitsfoto mit Büttenschnitt auch ein Lexikon im Wohnzimmerschrank stand – gebrauchen konnte man es ja immer. Meistens ging es ja ohnehin nur darum, zu sehen, wie ein Wort geschrieben wird.
Da konnte man sich auf Brockhaus verlassen.
Oder es ging darum, etwas über eine Sache zu erfahren, von der man nun buchstäblich keine Ahnung hatte. Beispiel?
Vielleicht kochen Sie gelegentlich mit Ingwer. Das sind eigentlich die Wurzeln der Ingwerpflanze, ganz alltäglich in etwas besser sortierten Gemüsegeschäften. Aber wie sieht die Pflanze selbst aus?
Brockhaus Enzyklopädie 21. Auflage, Ingwer nachgeschlagen, Band 13, Seite 297. Zeichnung, Photo der Blüte einer Ingwer-Zierpflanze – man muss nicht alles immer gleich essen – kurzer, aber extrem destillierter und deshalb informativer Text, den Sie in zehn Minuten auswendig lernen könnten. Falls Sie keinen Brockhaus haben, können Sie auch den Text der deutschen Wikipedia auswendig lernen. Das allerdings dürfte dauern.
Also sagen wir es mit Loriot: „Ein Leben ohne Brockhaus ist möglich, aber nicht sinnvoll“ – es kostet einfach zuviel Zeit.

Allemande

Das „Wissen der Welt“ – wir werden noch sehen, was es damit auf sich hat – zwischen zwei Buchdeckel zu pressen und zu verkaufen, ist keine deutsche Idee, wenn es auch manchmal so aussieht, vor allem aus der Perspektive eines deutschen Lexikografen. Wir haben dem Wissen etwas preussische Disziplin beigebracht und deshalb in Artikel, Hierarchien und Klassifikationen gezwängt, Personenartikel, Sachartikel, Stadt, Land, Fluss und was nicht alles. Natürlich ist der Brockhaus national-zentristisch, selbst noch in der 21. Auflage und nach Deutschland kommen Österreich und die Schweiz und dann erst mal gar nichts und dann Großbritannien und dann erst Frankreich, immerhin ist die Britannica unser genuiner Gegner – obwohl nur Leute, die weder die Britannica noch den Brockhaus kennen – beide miteinander vergleichen – und nicht etwa ein Buch des Landes, in dem die Enzyklopädie erfunden wurde, dann Europa und – war da noch was? – der Rest der Welt. Wollten wir „den Rest der Welt“ genauso berücksichtigen wie Deutschland, hätte die 21. Auflage des „Großen Brockhaus“ 100 Bände, wenn nicht mehr. Die konzentrische Betrachtung des Welt aus dem Land heraus, in dem die Enzyklopädie geschrieben wird, ist also in Ordnung. Es geht nicht anders.
Es ging aber auch so nicht. Fragen Sie, wen Sie wollen, jeder schwärmt vom Brockhaus, mag die Haptik des dicken Buches, den Duft des Halblederrückens, den Goldschnitt, das Brockhaus-Rot, das gute Papier, die Texte, die Bilder und Grafiken und hätte dieses Messbuch der bürgerliche Bildung gern – bloß bezahlen möchte er es nicht. Nüchtern betrachtet ist der Brockhaus eines der billigsten Bücher am Markt, die meisten Taschenbücher sind um einiges teurer. Und manche riechen wirklich komisch.
Aber fast 3000 Euro dafür ausgeben? Die stecken wir doch lieber in 200 ccm mehr Hubraum.

Corrente

Man kann dem Brockhaus und seinem vermeintlich hohen Preis nämlich entkommen, laufen ist dazu gar nicht notwendig. Ein Computer und die Kenntnis der Internet-Adresse www.wikipedia de. Genügen. Zum Beispiel. Das ist die deutsche Ausgabe der Enzyklopädie, die von Freiwilligen geschrieben wird, in vielen Ländern, in vielen Sprachen. Die Wikipedia ist gratis, sie kostet keinen Pfennig. Die Wikipedia ist extrem erfolgreich.
Die schnelle Entwicklung der Wikipedia hat verschiedene Konsequenzen. Die auffälligste ist die, dass die gedruckten Lexika – und damit auch der Brockhaus – verschwinden. Das ist etwa so bedauerlich wie das Verschwinden der Dampflokomotiven. Natürlich sehen wir uns Dampflokomotiven gern an – aber wollen wir damit noch fahren? Bei dem läppischen Wirkungsgrad, bei der grauenhaften Energiebilanz, bei der Langsamkeit, bei dem Qualm, bei den Arbeitsbedingungen für das Personal?
Das ist die Wikipedia genau richtig. Mehr Artikel, längere Artikel, auch Themen, die in keinem gedruckten Lexikon der Welt eine Chance hätten. Doch, doch – Britney Spears steht im Brockhaus. Aber wollen Sie wirklich im Brockhaus lesen, was »Symphonic Black Metal« ist? Der Hauptvorteil der Wikipedia ist aber, dass sie umsonst ist. Und – da hat sich nichts geändert – einem geschenkten Gaul schaut man nichts Maul.
Womit nicht gesagt sein soll, dass die Wikipedia voller Fehler ist. Das ist sie nicht. Dass ihr die rechte Organisation fehlt, ist klar, immerhin sind es lexikografische Amateure, die sie schreibend. Es gibt keinen Plan, was die Wikipedia eigentlich werden soll, auch kein Wissen, was sie jetzt ist. Der gegenwärtige Streit innerhalb der Wikipedia-Sekte, um Relevanz und Irrelevanz zwischen »Exkludisten« und »Inkludisten« zeigt, dass der fehlende Plan endlich aufgefallen ist. Wahrscheinlich zu spät. Denn die Wikipedianer sind gerade dabei, das positive Image – nicht ganz zu Recht erworben – ihrer Textansammlung zu zerstören. Ach: Wo ist eigentlich der Herr Schindler abgeblieben?

Menuett I

Der Geburtsfehler der Wikipedia ist, dass sie sich für innovativ hielt – und hält -, allein schon, weil sie ein »modernes Medium« wie das Internet nutzt. Lassen wir diesen Umstand mal beiseite, in diesem Fall ist das nur eine Zugangsform und ob ein Lexikon im Internet wirklich unbegrenzt Platz hat, wird sich noch herausstellen.
Die Wikipedia orientiert sich in ihrer ganzen Machart an ABC-Lexika, wie es die Lexika aus dem Hause F.A. Brockhaus und anderen waren – oder sind, falls wissenmedia/Bertelsmann es jemals auf die Reihe bekommt, da weiter zu machen, wo die Langenscheidts und Brockhaus keine Lust mehr hatten. Diese Idee ist im Grunde veraltet und funktioniert schon seit Jahrzehnten eher schlecht als recht. Sie basiert darauf, dass die Erkenntnis der Welt in Stücke zerlegt wird und diese Stücke alphabetisch angeordnet werden. Vorausgesetzt wird dabei, dass der Leser – Benutzer des Lexikons – über eine bestimmte grundsätzliche Bildung verfügt. Ein Beispiel mag die Notwendigkeit dieser stillschweigenden Voraussetzung erklären: Nehmen wir an, Sie haben überhaupt keine Kenntnisse von Musiktheorie. Sie hören gern Musik, wissen, wer Britney Spears ist und können unter der Dusche »Hey Jude« singen. Da lesen Sie eines Tages das Wort »Dreiklang«. Aufgeschlossen, wie Sie sind, wollen Sie das nun aber doch mal wissen. Im Brockhaus nachgeschlagen, BE 21, Band 7, Seite 271 finden Sie den Artikel, 30 Zeilen und diverse Tonbeispiele in der mitgelieferten Audiothek. Sie lesen den Artikel und verstehen kein Wort. Sie müssten weiter nachschlagen: Zusammenklang, Grundton, Terzton, Quintton, große Terz, kleine Terz, Dur, Moll – kurz: Sie müssten eine Vielzahl weiterer Artikel lesen, um diesen einen zu verstehen. Sie wollten aber bloß wissen, was ein Dreiklang ist.
Man kann daraus schließen: Ein Lexikon dient nicht der Vermittlung von Bildung – oder Wissen -, sondern ihrer Überprüfung und Vergewisserung, dass man über Bildung verfügt. Wer ein Lexikon wie den Brockhaus gewinnbringend nutzen will, muss über Wissen verfügen, muss gebildet sein – er wird es nicht durch den Brockhaus.
Wie macht nun die Wikipedia das? Genau so. Sie kupferte in dieser Hinsicht einfach bestehende Lexika ab. Der Artikel »Dreiklang« ist kürzer als der im Brockhaus und grafisch aufbereitet, er lässt dem Ahnungslosen aber seine Ahnungslosigkeit genau so, wie es der Brockhaus tut.
Was also wirklich fehlt, ist eine Idee, wie man vermeintlich einfache Fragen so beantwortet, dass eine kurze Antwort möglich ist. Im Einzelfall kann das unmöglich sein. Und das ist eben auch nicht neu. In dieser Hinsicht ist der Brockhaus – das sei nebenbei gesagt – der Wikipedia sogar überlegen: Ein langer Artikel über eine bestimmte Sache oder Person mag schließlich »vollständig« sein, verfehlt aber möglicherweise die Aufmerksamkeit seines Lesers, der es so genau gar nicht wissen wollte.

Menuett II

Lexikografen kennen mehrere Reizwörter, »Relevanz« ist nur eines davon – die Wikipedianer stehen gerade ratlos davor. Vielleicht ist diese Diskussion auch Ausdruck des zu schnellen Wachstums – ständig werden neue Server gebraucht, ständig wird zu Spenden aufgerufen, um diese kaufen und betreiben zu können. Das Kategoriesystem der Wikipedia erfüllt, wild gewachsen, wie es ist, seinen Zweck nicht und ist völlig desolat. Weniger Artikel wären also zur Zeit ein wahrer Segen. Harte Relevanzkriterien, von einer gesichts- und namenlosen Instanz angefertigt und durchgesetzt, könnten da Abhilfe schaffen.
Ein anderes Reizwort ist »Objektivität«. Wenn es um Wissen und Bildung geht, ist immer umstritten, was »objektiv« ist. Allerdings lernt jeder Publizistikstudent schon im ersten Semester, was es mit dem Begriff auf sich hat: nichts. Objektivität ist eine Fiktion und oft geben sich gerade diejenigen als »objektiv« aus, die handfeste Interessen haben. Es könnte doch gerade in der heutigen Zeit notwendig sein, Orientierung zu geben, also eben nicht objektiv zu sein, dies aber auch klar herauszustellen. Könnte denn jemand allen Ernstes behaupten, über z. B. Michael Jackson oder Herbert von Karajan objektiv schreiben zu können? Oder über Karl den Großen? Objektivität setzt das völlige Fehlen von Zweifel voraus und das gibt es in der menschlichen Gesellschaft nicht. Wäre auch nicht wissenschaftlich.

Gigue

Was die Wikipedianer unter Freiheit verstehen, können Sie hier nachlesen. Was das »Ehrenamtliche« angeht, so treibt das seltsame Blüten, etwa, wenn ein Professor den für den »Besten Artikel« ausgelobten Preis erhält – ihm aber offensichtlich nicht klar ist, dass seine »ehrenamtliche« Tätigkeit ein kräftiger Schlag in die Fresse seiner Studenten ist, denn sie erfahren auf diese Weise, dass ihre Arbeit, ihr Studium nichts wert ist. Dass man jedenfalls nicht davon leben kann.
Ein Blick in das Autorenverzeichnis der Brockhaus Enzyklopädie 21 weist eine große Zahl von Autoren auf, die studiert haben, ihr Studium abgeschlossen und es im Einzelfall in ihrem jeweiligen Fach bis zum Professor gebracht haben. Für ihre Arbeit haben sie Honorar erhalten, ob genug oder zu wenig, sei mal dahin gestellt. Als Verdienstquelle scheiden gedruckte Lexika in Zukunft aus – die Professoren werden es verschmerzen können. Aber was erzählen sie ihren Studenten? »Ihr alle sollt Professoren werden«? Nur mal als Beispiel: Allein in Berlin schließen jedes Jahr mehr Musikwissenschaftler ihr Studium ab, als in ganz Deutschland gebraucht werden.
Aber das alles kann man nicht Jimmy Wales anlasten, »Erfinder« der Wikipedia, der lediglich ein paar alte Ideen ins Internet geschleppt hat. Man kann ihm auch nicht anlasten, dass Brockhaus seine Redaktion abgeschafft hat. Brockhaus hatte Zeit genug, sich zu überlegen, wie das mit den Lexika weitergehen soll. Aber die Verleger der Britannica haben das auch nicht gemacht.

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